Nicht allein im Regen stehen – oder „Wer redet, ist nicht tot.“

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/2015

 

Fast ein Drittel der Deutschen lebt allein, in Single-Haushalten. Wissen wir, ob nicht die Seele darunter leidet?

Text: Pater Georg-Maria-Roers, SJ

 

Wie könnte ein Roman mit dem Titel „Wir sind nicht wir“ von Matthew Thomas in dieser theo Ausgabe fehlen? Der beinahe 900 Seiten lange Text handelt von dem zerstreuten Professor Ed Leary. Als Hirnforscher, der an Demenz leidet, versucht er dennoch seine Studenten über das zentrale Nervensystem aufzuklären. Das kann nicht gut gehen. Nicht nur Ed, sondern seine ganze Familie gerät ins Strudeln. Alle kommen aus dem Trott, das Haus wird verkauft, von da an spielt das Leben in einer verlotterten Villa am Stadtrand. Mehr und mehr wird der Leser Zeuge des Zerfalls einer einst intakten amerikanischen Familie. Welcher Autor wird den Roman »Ich bin nicht ich« schreiben? Den Song der ehemaligen Teen-Band Tokio Hotel gibt es schon. Er fängt damit an, dass Augen keinen Trost finden. Die letzte Strophe geht so: »Ich bin nich’ ich, wenn du nich’ bei mir bist – bin ich allein / Und das was jetzt noch von mir übrig ist – will ich nich’ sein / Draußen hängt der Himmel schief / Und an der Wand hängt dein Abschiedsbrief.« Im Song Durch den Monsun geht es gleich weiter: »Das Fenster öffnet sich nicht mehr / hier drin ist es voll von dir – und leer.«
Der Liebeskummer gehört zum Leben des Menschen wie das Amen zur Kirche. Dieser Schmerz sagt auch: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt« (Genesis 2, 18). Das Wort Gottes mag manchmal ungelegen kommen, aber wer kann sich dieser Lebensweisheit verschließen? Es ist sicher nicht einfach, heute eine gute Partnerschaft oder Ehe zu führen oder in einer religiösen Gemeinschaft zu leben. Was aber noch viel schwieriger zu sein scheint, ist ein Singleleben auf ewig. Fast ein Drittel der Deutschen lebt alleine, und die Zahlen steigen weiter. In Großstädten ab 100 000 sind es sogar 40% der Einwohner. Diese vielen Singlehaushalte mögen ein Segen für die Wirtschaft sein, braucht doch jeder eine Spül- und Waschmaschine, eine Küchenzeile von Ikea etc. Aber Leib und Seele gehen irgendwann auf Grundeis, wenn sie alleine auf dem Sofa rumlümmeln.
Ein Kind erzählt seiner Mutter oder seinem Vater jeden Abend, was es erlebt hat. Dieses Bedürfnis ist uns in die Wiege gelegt. Smartphones, Facebook etc. mögen das Alleinsein mindern. Das Ideal verkörpern sie nicht. Kommt Demenz ins Spiel, ist der Extremfall gegeben – wir werden unserer Erinnerungen beraubt. Aber gerade dann werden wir extrem angewiesen sein auf die Anwesenheit von anderen. Die Menschen, die sich dann um uns kümmern, sind ganz besonders sensibel für unsere versteckten Formen der Kommunikation. Dieser Spezialfall des menschlichen Daseins sprengt den Rahmen – auch hier. Der Anker der Vergangenheit kann uns hemmen, er kann aber auch zum Glauben an das Gute im Menschen werden. Kein Glaube, keine Heimat, keine Familie, keine Freunde – das sind die Zutaten eines Horrorfilms. Wie glücklich muss derjenige sein, der Erinnerungen festhalten kann, sogar jene, die ihn sehen, so wie bei Tomas G. Tranströmer (1931 – 2015): »Ich muss ins Grüne hinaus; es ist übervoll / von Erinnerungen, und sie folgen mir mit dem Blick.« Dem Literaturnobelpreisträger (2011) kamen die Erinnerungen so nahe, dass er sie atmen hörte.
Martin Buber ging als Religionsphilosoph in der Schrift Ich und du (Leipzig, 1923) dem dialogischen Prinzip nach. Seine Worte klingen fast zu schwer: »Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden. Aber dass ich zu ihm das Grundwort Ich-Du spreche, ist Tat meines Wesens, meine Wesenstat.« Wer einen Partner, eine Partnerin fürs Leben findet, der kann mit diesem Grundwort etwas anfangen. Auf oft abenteuerliche Weise finden Menschen zueinander. Es ist wirklich eine Gnade, so einen Moment ganz und gar auszukosten. Gottfried Benn hat in einem seiner letzten Texte Kommt, vor 60 Jahren geschrieben: »Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot, …« Hier ist die Rede von Mensch zu Mensch gemeint. Mein Gegenüber kann nicht mein Rechner sein, so schön es ist, diesen Text hier zu tippen. Mein Gegenüber hat einen Namen. Er oder sie bleibt unberechenbar. Solange wir noch miteinander reden, stehen wir nicht alleine im Regen. //

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