Was nun, Herr Bischof? Heiner Koch im Gespräch.

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2015

Heiner Koch

Er stammt aus Düsseldorf, nach seiner Priesterweihe 1980 arbeitete Heiner Koch in der Seelsorge, ging später ins Generalvikariat nach Köln. Von 2003 bis 2005 leitete er die Vorbereitung und Durchführung des Weltjugendtages in Köln, zusammen mit Rainer Kardinal Woelki war er Weihbischof unter Kardinal Meisner. 2013 ging er als Bischof nach Dresden/Meißen, im Juni wurde er zum Erzbischof von Berlin ernannt.

 

Herr Bischof: Muss man eigentlich einmal im Erzbistum Köln gewesen sein, um in der Kirche Karriere zu machen? Und verstehen Sie die Kritik von Bischof Gerhard Feige an den drei Wechseln in der Leitung ostdeutscher Bistümer?
Jahrzehntelang wurde kein Kölner in das Amt eines Diözesanbischofs berufen. Wenn heute Domkapitel einen Kölner als Bischof wählen, so tun sie es nicht, weil er ein Kölner ist, sondern weil er geeignet ist. Was meine Berufung nach Berlin angeht, so liegt ein wesentlicher Unterschied zu früheren Berufungen darin, dass ich nicht aus dem Osten Deutschlands weggerufen werde, sondern im Osten bleibe. Mir wurde die Leitung der einzigen Kirchenprovinz anvertraut, der nur ostdeutsche Diözesen angehören. Wenn das kein Zeichen für Kontinuität ist. Sicher, ich wäre auch gern in Dresden geblieben bei den Menschen, die mich sehr herzlich aufgenommen haben. Dennoch sehe ich meiner neuen Aufgabe in Berlin mit tiefer Bereitschaft und Spannung entgegen.

 

Sie haben in Dresden das zeitweise Erstarken von Pegida erlebt. Aktuell gibt es in Ihrem Bundesland vermehrt Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Warum ist in Sachsen die Angst vor Fremden und Minderheiten so groß, und wie kann Kirche darauf reagieren?
Ich weiß nicht, ob die Angst in Sachsen größer ist als in anderen Bundesländern. Zu den Pegida-Demonstrationen in Dresden kamen Busse aus verschiedenen Teilen Deutschlands. Leider wurde aber kaum über die vielen Aktionen in Sachsen für Fremde und Migranten berichtet. Auch unsere Kirchengemeinden waren sehr aktiv. Nichtsdestoweniger: Die Angst vor und die Ablehnung von Fremden macht mir große Sorgen. Aber Angst ist nicht zu überwinden durch einen moralischen Zeigefinger oder durch politischen Druck. Da muss man einfühlsam in die Tiefe der Seele des Menschen gehen. Das ist mühsamer als die Abgabe großer Erklärungen.

 

Ihre neue Heimat Berlin gilt als liberal und weltoffen. Die kirchliche Landschaft ist zwar vielfältig, aber die Stadt und ihre Menschen gelten als kirchenfern. Mit welchem Ansatz wollen Sie die Kirche prägen?
Als liberal und weltoffen versteht sich auch meine frühere Wirkungsstadt Köln. Dies ist eine Grundhaltung, die im Mainstream liegt. Ich freue mich aber auf die Haltung der Menschen in Berlin, weil sie uns als Christen in der Minderheit auch die Chance eröffnet, wahrgenommen zu werden mit unseren Einstellungen, die viele nicht teilen. Im Übrigen komme ich nicht mit einem fertigen Konzept. Ich bin voller Erwartung, von den Berlinern zu erfahren, wie sie auch im Zusammenwirken mit den evangelischen Christen den Sendungsauftrag erfüllen, den Jesus den Jüngern damals und uns heute anvertraut hat.

 

Aktuell wird die Öffnung der staatlichen Ehe diskutiert und die »Ehe für alle« gefordert. Der Vatikan nannte das »Ja« Irlands eine »Niederlage für die Menschheit«. Ist es nicht ein Widerspruch, dass die Kirche für Flüchtlinge und Minderheiten gleiche Rechte und Schutz fordert, aber für gleichgeschlechtliche Paare eine staatliche Gleichstellung ablehnt. Warum?
Für uns ist die Ehe ein Sakrament, das sich Mann und Frau spenden, die bereit sind, Vater und Mutter für ihre Kinder zu werden. Zu viele verstehen Unterschiedliches unter dem Begriff Ehe. Ich bin für Differenzierung, und das Differenzierte soll auch unterschiedlich behandelt werden. Das hat mit Diskriminierung nichts zu tun, sondern mit der Vielfalt des Lebens.

 

Papst Franzikus hat ein Jahr der Barmherzigkeit für das kommende Kirchenjahr ausgerufen. Was ist Barmherzigkeit für Christen? Kann die Kirche barmherzig sein und wie?
Die Barmherzigkeit ist ein Wesenszug Gottes, wie ihn Jesus Christus gezeigt und gelebt hat. Mensch, du fällst nie aus der Liebe meines Herzens heraus. In unserem Leben als Christen versuchen wir, ein wenig von der Barmherzigkeit Gottes in die Welt zu tragen. Auch, wenn Jesus die Menschen hart angegangen hat und Forderungen an sie stellte, die sie nicht hören wollten, so tat er dies doch aus Barmherzigkeit. Sie ist also keine süße Soße nach dem Motto: alles ist gut, Barmherzigkeit ist anspruchsvoll.

 

 

Mit freundlicher Genehmigung: Rogate-Kloster St. Michael zu Berlin.
Foto: Martin Rulsch, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *