Was nun, Herr Bischoff? 10 Fragen an Stefan Heße.

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 05/2015

Pressekonferenz zur Ernennung von Kardinal Woelki zum Erzbischof von Köln

10 Fragen an Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg),  Sonderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen.

 

In Flüchtlingsfragen gehen die Meinungen der Bischöfe auseinander. Kardinal Schönborn zum Beispiel hält die Errichtung von Grenzzäunen für durchaus legitim. Der Essener Bischof Overbeck fordert gar ein Anpassen der Deutschen an die Lebensgewohnheiten der Flüchtlinge. Gibt es eine klare Kirchenmeinung?
Das Evangelium lässt keinen Zweifel daran, was in der gegenwärtigen Situation von uns Christen gefordert ist: »Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.« Ausgehend von diesem berühmtenWort aus dem Matthäus-Evangelium ruft Papst Franziskus den Auftrag zu Mitmenschlichkeit und Solidarität immer wieder ins Gedächtnis. Auf der Ebene der Politik steht dabei dieWahrung der unveräußerlichen Menschenwürde eines jeden Flüchtlings im Mittelpunkt aller christlichen Äußerungen zum aktuellen Fluchtgeschehen. Den von Ihnen angedeuteten Gegensatz zwischen Kardinal Schönborn und Bischof Overbeck kann ich im Übrigen nicht erkennen: Kardinal Schönborn hat – ebenso wie zahlreiche andere Bischöfe – immer wieder betont, dass Zäune keine Lösung sind. Und Bischof Overbeck hat darauf hingewiesen, dass die aktuelle Krise nicht nur für die Aufnahmegesellschaft, sondern auch für die Flüchtlinge mit einer Veränderung bisheriger Lebensgewohnheiten einhergeht.

 

Wie wird eine spirituell ausgetrocknete Gesellschaft wie die deutsche mit einer sehr bald noch viel sichtbarer werdenden islamischen Spiritualität zurechtkommen?
Auch wenn die Bindungskräfte der beiden großen Kirchen vielerorts schwächer geworden sind, würde ich nicht vorschnell von einer spirituell ausgetrockneten Gesellschaft sprechen. Aber richtig ist: Christinnen und Christen müssen stärker die befreiende und lebensbejahende Kraft unserer Botschaft betonen. Christliche Wertvorstellungen bilden ja nicht nur ein historisches Fundament unserer Gesellschaftsordnung, sondern setzen nach wie vor tagtäglich Kreativität und Begeisterung frei. Gerade das überwältigende Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft, das wir angesichts der hohen Flüchtlingszahlen erleben, zeugt von der lebendigen christlichen Prägung unserer Gesellschaft. Ich halte allerdings wenig davon, die Rede vom »christlichen Abendland« zu instrumentalisieren, um Muslime aus unserer Gesellschaft auszuschließen.

 

Erhoffen Sie, wie andere Bischöfe. durch die wachsende Zahl gläubiger Muslime, eine Rückbesinnung der Deutschen auf ihre christlichen Wurzeln?
Ich würde es anders formulieren: Wer in seiner eigenen Glaubensüberzeugung und Glaubenspraxis gefestigt ist, kann auch auf Menschen anderer religiöser und weltanschaulicher Prägungen mit Offenheit und Neugierde zugehen.

 

Die evangelische Kirche stellt leere Kirchengebäude für Flüchtlinge zur Verfügung und entfernt rein vorsorglich alle Kreuze und andere christliche Symbole. Ist das für katholische Kirchen auch denkbar?
Wenn Kirchengebäude profaniert und somit nicht mehr zu liturgischen Zwecken genutzt werden, dann ist die Entfernung von Sakralgegenständen nichts Ungewöhnliches. Das bedeutet jedoch nicht, dass christliche Symbole einer falsch verstandenen Rücksichtnahme weichen sollten. Ganz im Gegenteil: In unseren kirchlichen Hilfs- und Beratungsstellen finden sich allerorten christliche Symbole – und gleichzeitig stehen sie jedem Menschen offen, unabhängig von seiner Herkunft oder Religion. Die christlichen Symbole sollen niemanden abschrecken, sondern verdeutlichen, aus welcher Quelle sich unser entschiedenes Eintreten für die Anliegen der Schutzbedürftigen und Notleidenden speist.

 

Die Deutschen, so ist zu hören, trauen sich nicht, ihre Meinung offen auszusprechen.Die meisten glauben, aktuellen Umfragen zufolge, dass es jetzt zahlenmäßig reicht mit den Flüchtlingen, vor allem nach den Anschlägen von Paris. Ist das auch Ihre Meinung?
Ich beobachte in unserem Land eine sehr offene Debatte über den angemessenen Umgang mit den gegenwärtigen Fluchtbewegungen. Wenn Menschen sich in der aktuellen Situation um die Zukunft unseres Landes sorgen, dann nehme ich dies ernst, warne jedoch gleichzeitig vor Dramatisierungen. Die Terroranschläge von Paris haben uns die menschenverachtende Ideologie des sogenannten »Islamischen Staates« (IS) nun auch im Herzen Europas vor Augen geführt. Es ist nicht zuletzt der is, der dafür verantwortlich ist, dass viele Muslime, Christen und Jesiden aus dem Mittleren Osten ihre Heimat verlassen müssen. Deshalb ist es geradezu absurd, die Gräueltaten des is zum Anlass zu nehmen, Flüchtlinge generell unter Verdacht zu stellen.

 

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken nennt es »nicht christlich«, wenn Hunderttausenden Menschen Hoffnung gemacht wird auf ein Leben im Schlaraffenland, das sich für die meisten der Flüchtlinge doch nicht erfüllt.Was sagen Sie zu dieser Sichtweise?
Jede christliche Sichtweise muss den Grundsatz beherzigen: Jeder, der in unseremLand Schutz sucht, muss menschenwürdig behandelt werden. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sieht das nicht anders als die Bischöfe. Es ist klar: Nicht alle, die zu uns kommen, werden dauerhaft bleiben können.
Gleichzeitig müssen wir uns darauf einstellen, dass Deutschland für viele Flüchtlinge auf längere Sicht zur neuen Heimat wird. Ihnen müssen wir so früh wie möglich aussichtsreiche Bildungs- und Berufsperspektiven eröffnen.

 

Die politische Diskussion rund um die Beschränkung des Familiennachzuges sehen Sie persönlich sehr kritisch. Auch, wenn Kirche einen hohen Akzent auf Familie setzt, wäre das nicht ein Anfang, den Massenzustrom auch im Hinblick auf die zwangsläufig härter werdenden Bedingungen für Flüchtlinge zu begrenzen?
Die Einheit der Familie ist für die Kirche ein hohes Gut. Nicht zufällig hat Papst Franziskus zwei Weltbischofssynoden über die Familie abgehalten. Vor allem muss man fragen: Wollen wir wirklich einem jungen Mann aus Syrien oder dem Irak Schutz gewähren, während wir seine Frau und die Kinder der Gefahr in der Heimat oder auf der Flucht aussetzen? Ich bin überzeugt: Gerade in Krisenzeiten sollten wir – auch als Gesellschaft – unsere ethischen Grundsätze nicht ängstlich über Bord werfen.

 

Der Staat wird seit Jahren dafür kritisiert, dass er Kirche mit Millionenbeiträgen mitfinanziert! Werden das künftig nicht auch die dramatisch erstarkenden muslimischen Verbände fordern?
Zur Kirchenfinanzierung kursieren viele Vorstellungen, die von der nüchternen Realität weit entfernt sind. Bestimmte Dienste, die kirchliche Wohlfahrtseinrichtungen der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stellen, werden von staatlicher Seite refinanziert. Daneben gibt es kirchlicheHilfsangebote, die aus eigenen Mitteln finanziert werden. Im Rahmen der Islamkonferenz wird derzeit über die Gründung von Wohlfahrtsverbänden in muslimischer Trägerschaft diskutiert. Wenn Muslime sich auf der Grundlage der geltenden Sozialgesetze für das gesamtgesellschaftliche Wohl engagieren wollen, dann vermag ich daran nichts Verwerfliches zu erkennen.

 

Wie bewerten Sie den vorauseilenden Gehorsam von Kommunalpolitikern, die das St.-Martins-Fest zugunsten eines »Lichterfestes« abschaffen, obwohl viele Muslime dieses Fest als Ausdruck der Barmherzigkeit gern mitfeiern?
Das Fest des Heiligen Martins lässt seit vielen Generationen anschaulich werden, was christliche Barmherzigkeit konkret bedeutet: Wer einem frierendenMenschen gegenübersteht, darf keine Rücksicht nehmen auf persönliche Bequemlichkeiten und gesellschaftliche Konventionen. Gerade in diesen Tagen spricht uns das Bild vom geteilten Mantel ganz unmittelbar an. Wer solche Feste säkularisieren will, gefährdet die ethischen Ressourcen unserer Gesellschaft.

 

Nicht alle Deutschen sind Christen.Was also kann helfen, jenseits des christlichen Nächstenliebegebots, den Deutschen die Angst vor Überfremdung zu nehmen?
Die Angst vor dem Fremden resultiert oft aus einer Brüchigkeit der eigenen Identität. Schwierig wird es immer dann, wenn sich Halbwissen über andere Kulturen und Religionen mit einer tiefgreifenden Unsicherheit über die ethischen Fundamente unserer offenen und freien Gesellschaft paart. Als Kirche fällt uns hier die Aufgabe zu, Kommunikationsbrücken zu bauen. Zum einen zwischen Christen, Juden und Muslimen – und zwar vor allem im Rahmen ganz gewöhnlicher Alltagsbegegnungen. Zum anderen, indemwir religiöse Wertvorstellungen in einem säkularen Umfeld zur Sprache bringen. Bei alledem dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben: Wenn die soziale Balance in unserer Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gerät, werden viele unserer Dialogbemühungen vergebens sein. Deshalb ist es wichtig, dass die Bedürfnisse der Flüchtlinge und der sozial schwächer gestellten Menschen in unserem Land nicht gegeneinander ausgespielt werden.//

 
Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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