Vorgeknöpft: Zeig mir dein Gesicht!

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 05/2015

Eine Düsseldorfer Grundschule hat das Tragen von Burka oder Nikab auf ihrem Gelände verboten. Diese mache Kindern Angst. Aber auch jenseits solcher Einzelaktionen braucht es ein Vermummungsverbot in öffentlichen Einrichtungen.
Von Petra Bahr

Ich möchte den schwarzen Vorhang vom Kopf meines Gegenübers reißen. Die Finger mit den manikürten Händen liegen locker auf dem Schoß. Wir sitzen einandergegenüber, aber mein Gegenüber entzieht sich mir. Der Bus ist voll. Menschen drängen sich aneinander. Zum ersten Mal finde ich die feuchte Luft, das zudringliche Parfüm der Nachbarin und den viel zu lauten Befehlston des Touristen aus Süddeutschland, der sich über den Busfahrer, die volle Stadt und das Leben ärgert, viel weniger anstrengend als die verhüllte Frau, die mir gegenüber sitzt. Ein Burkaverbot zu fordern klingt logisch. Schließlich gilt – wenn auch aus erkennungsdienstlichen Gründen – auch bei Demonstrationen ein Vermummungsverbot. Doch das Unbehagen an der Ganzkörperverhüllung gehttiefer. Auch tiefer als die – zu Recht differenzierten – Perspektiven auf das Kopftuch der muslimischen Frau. Ein Kopftuch hat auch noch meine Urgroßmutter getragen. In ihrer Welt war die Geschlechterordnung gottgegeben und unbefragbar.
Die Kopfbedeckung war ein Symbol für ihre Unterordnung. Weil sie sehr klug gewesen sein muss, hätte sie sogar trefflich mit mir streiten können. Das Gesicht zu verhüllen wäre ihr allerdings nicht in den Sinn gekommen. Im Gesicht liegt die Seele offen, hat sie immer gesagt. Man könnte es auch grundsätzlicher beschreiben: zur abendländischen Kultur, die aus der Mischung von Christentum, griechischer Philosophie und römischer Rechtstradition erwachsen ist, gehört schon weit vor der Durchsetzung von Gedanken der Aufklärung, der gleichen Freiheit und der Würde des Einzelnen die Vorstellung, dass die Individualität des Anderen in seinem Gesicht liegt. Das zeigtdie abendländische Kunstgeschichte. MitderÜberwindung des Bilderverbotes in einen Spannungsraum zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit wird das menschliche Antlitz, wie auch das Christusbild, zum Spiegel dieser Spannung. Das zeigen schon die Ethiklehrbücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die ja Lehren des Sozialen sind. Das Gesicht zu zeigen und das des Gegenüber genau zu betrachten, ja zu lesen wie ein Buch, ist der Beginn jeder Beziehung. Die Signatur der Sichtbarkeit ist an vielen Stellen umstritten: wieviel Körper soll verborgen bleiben? Das Spiel von Verhüllung und Enthüllung gehört zur Religion wie zur Erotik. Aber das Gesicht selbst bleibt – mit Ausnahme des Brautschleiers – frei von Verkleidungs- und Verhüllungsabsichten.
Mehr noch: in der Sichtbarkeit liegt auch das Geheimnis eines jeden. Im Antlitz erscheint der Mensch als einzigartiges Geschöpf. Hier spielt die Imago-Dei-Vorstellung als Ethik des Angesehenen eine große Rolle.Deshalb hat das Unbehagen an der Ganzkörperverhüllung einen tieferen Grund als emanzipatorische Einwände über das Recht der Frau oder Hinweise darauf, dass auch der Islam eigentlich keine religiöse Begründung des Nikab oder der Burka überliefert hat. Nun kommen Frauen aus Kulturkreisen zu uns, die sich unter einem Stück Stoff verbergen. Ihre Haltung entzieht sich unseren Vorstellungen von Freiwilligkeit oder Zwang. Verfassungsrechtlich ist es schwer, ein umfassendes Verbot zu fordern. Zu hart der Eingriff in die persönliche Freiheit.Die letzte Entscheidung zum Kopftuchverbot der Lehrerin in der Schule, das je nach Kontext Erlaubnis und Verbote ermöglicht, macht eine scharfe Grenzziehung noch schwerer. Es ist ja auch nicht gut vorstellbar, dass Touristinnen von den Flaniermeilen in München, Düsseldorf oder Berlin hinweg verhaftet werden, weil sie in Deutschland Edelmarken kaufen.Aber überall da, wo öffentliche Räume, wo Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Gerichte betroffen sind, muss die Burka verboten werden dürfen. Es muss auch da, wo man sie nicht verbieten kann, deutlich werden: das passt uns nicht. Wir wollen Eure Gesichter sehen. Nicht, weil wir Euch fürchten, sondern weil wir uns für Euch interessieren. Weil nur im offenen Gesicht ein Interesse möglich ist. Die Signatur der Sichtbarkeit ist genau jene Leitkultur, die wir verteidigen müssen, weil sie tiefer greift als das, was in Rechtstexten geronnen ist. //

Dr. Petra Bahr ist evangelische Pfarrerin. In der Konrad- Adenauer-Stiftung leitet sie die Hauptabteilung Politik und Beratung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *