theo-Impuls: Jetzt oder nie!

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 01/206

»Der Herr konnte andere auffordern, auf die Schönheit zu achten, die es in der Welt gibt, denn er selbst war in ständigem Kontakt mit der Natur und widmete ihr eine von Liebe und Staunen erfüllte Aufmerksamkeit. Wenn er jeden Winkel seines Landes durchstreifte, verweilte er dabei, die von seinem Vater ausgesäte Schönheit zu betrachten, und lud seine Jünger ein, in den Dingen eine göttliche Botschaft zu erkennen: Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte (Johannes 4,35).«
Ich schaue gerade aus dem Fenster und sehe, dass die Felder zugeschneit sind. Das mag an Pfingsten 2015 anders gewesen sein, als Papst Franziskus I. diese poetischen Zeilen in seiner Umwelt-Enzyklika Laudato Si! (LS) veröffentlicht. Der Vatikan liegt mit diesen Worten ganz auf der Linie von Greenpeace. Was heute offizielle Lehre ist, wurde auf Kirchentagen in den 80er Jahren als Bewahrung der Schöpfung propagiert. Und obwohl noch im Jahr seines Todes 1987 Joseph Kardinal Höffner dem Irrtum erlag, Christen können die Partei der Grünen nicht wählen, war er es, der als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz auf die Gefahren der Atomenergie hinwies. Und zwar »wegen ihrer Schrecklichkeit und wegen ihrer viele Generationen schädigenden Auswirkungen von qualitativ besonderer Art«. Die cdu hat erst vor fünf Jahren beschlossen, dass die letzten Atommeiler 2022 vom Netz gehen können. Die Kirche schläft also nicht immer, sondern ist manchmal sogar ihrer Zeit voraus. All das wäre allerdings nicht denkbar ohne die mutigen Männer und Frauen, die Greenpeace gegründet haben: Quäker, Pazifisten, Umweltschützer, Journalisten, Hippies. Deren größte Erfolge münden in internationale Abkommen gegen Atomtests und Walfang oder für den Schutz der Antarktis oder der Wälder. Mittlerweile ist das Mainstream. Der sogenannte Green-freeze, der erste fckw- und fkw-freie Kühlschranktyp wurde 1993 in Sachsen hergestellt. Diese Technik ist mittlerweile Standard bei umweltfreundlichen Kühlgeräten. Dennoch geht die Ausbeutung von Mutter Erde weiter. Auch das Meer will geschützt sein gegen Überfischung, Öl- und Gasförderung, Sand- und Kiesabbau, die Einleitung von Giften und radioaktiven Stoffen. Der Papst spricht Klartext gegen die Verharmlosung der Umweltzerstörung, seine Sorge um unseren Planeten ist echt: »Indessen fahren die Wirtschaftsmächte fort, das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, in dem eine Spekulation und ein Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen, die dazu neigen, den gesamten Kontext wie auch die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind« (LS, 56).Im Spätherbst 2015 haben sich 195 Staatschefs im Paris-Abkommen darauf geeinigt, den Anstieg der globalen Durchschnitts-temperatur der Erde auf deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau, wenn möglich auf 1,5 °C zu begrenzen. Das klingt nach einer Utopie, dabei ist es die letzte Chance für die Erde. Das Gebet des Hl. Franziskus ist aktueller denn je: »Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne, welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest. Und schön
ist er und strahlend mit großem Glanz: von dir, Höchster, ein Sinnbild« (LS, 87). Hier kann man nicht nur lernen, dass im Italienischen die Sonne männlich und der Mond weiblich ist, sondern dass alle Planeten wie wir Menschen Geschöpfe Gottes sind. Sollte uns das nicht Ansporn genug sein, den Weg der Achtsamkeit zu gehen? Auf der ganzen Welt war fühlbar, dass das Jahr 2015 als das wärmste Jahr in die Geschichte eingehen wird. Aber 2016 soll es noch wärmer werden. C.G. Jung hat zu Recht auf den Archetyp der Mutter hingewiesen. In unserer Tradition sprechen wir von der Mutter Kirche. Aber wer denkt hier an die Urmutter, an Himmel und Erde, Wald und Meer? Wer denkt an Quellen und Brunnen oder an Blumen? »Die gleichen Blumen des Feldes und die Vögel, die Jesus mit seinen menschlichen Augen voll Bewunderung betrachtete, sind jetzt erfüllt von seiner strahlenden Gegenwart« (LS 100). Lassen wir uns davon berühren? Überdenken wir unseren Lebensstil? Mit Blick auf Paris mahnte Papst Franziskus die Teilnehmer zu einem mutigen Schritt: »Jetzt oder nie!«. //

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Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)
GEORG MARIA ROERS SJ
Georg Maria Roers SJ ist Erzbischöflicher Beauftragter für die Bereiche Kunst und Kultur und Künstlerseelsorger
der Erzdiözese Berlin.
E-Mail: georgmaria.roers@erzbistumberlin.de

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