theo-Impuls: Böse Menschen haben keine Lieder

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 02/206

»Zu selten nehme ich die Gitarre zur Hand. Priester der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, die ihre Gemeinde mit neuem geistlichen Liedgut rockten, sind aus der Mode gekommen – ganz im Gegensatz zu aufwendigen Kirchen- Inszenierungen wie z.B. in St. Peter in Köln. Dort sang der wdr Rundfunkchor zu Palmsonntag eine ganze Nacht die Vigil op. 37 von Sergej Rachmaninow, alles war in mystisches Licht gehüllt. Und auch die großen Mozart- und Haydn-Messen mit ihren gewaltigen Chören sind an Weihnachten, Ostern und Pfingsten nicht wegzudenken. Töne sind nicht sichtbar, aber geeignet, um in die Tiefe zu gehen und zu meditieren. Der Katholizismus als Mysterienkult? Im 6. Jh.v.Chr. begründeten ihn die Orphiker, die frühen Christen jedoch lehnten ihn ab. Wer sich mit dem Christentum beschäftigt und mit Musik, wird immer wieder auf die Antike stoßen. Clemens Alexandrinus, der um 150 in Athen geboren wurde, war noch ganz vertraut mit der antiken Kultur. Origens wurde sein Nachfolger in der ersten Katechetenschule von Alexandria – beide waren und sind bedeutende Kirchenlehrer. Für Clemens war es eine leichte Übung, zum Beispiel Orpheus, der in der Legende mit seinem Gesang Steine zum Weinen brachte, mit Jesus als dem Guten Hirten zu verbinden. Und was Orpheus in der Antike war, ist der Hl. Franziskus für uns bis heute – sein Sonnengesang ist aktueller denn je.
Im Brief an die Epheser, den Paulus aus einer Gefängniszelle schreibt, wird einerseits der Rausch abgelehnt, die Musik aber in Dienst genommen: »Betrinkt euch nicht mit Wein, denn das macht euch zügellos. Lasst euch lieber vom Geist Gottes erfüllen. Tragt euch gegenseitig Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder vor. Singt für den Herrn und preist ihn aus vollem Herzen!« ( Epheser 5,19) Der Psalm 33 klingt an das Dankgebet des David an. Er tanzte vor der Bundeslade und brachte sie nach Jerusalem. Durch sein Harfenspiel wurde er vor Saul (1 Sam 16,23) bekannt und konnte die bösen Geister vertreiben. Er besiegte Goliath und wurde zum König gesalbt. 40 Jahre regierte er über Israel und Juda; davon 7 Jahre in Hebron und 33 Jahre in Jerusalem.
Musik spricht die Sinne ungefiltert an. Man kann sich ihr im Rausch hingeben.Die Pythagoreer hatten noch ein Gefühl dafür, wie das metaphysische Wesen der Weltharmonie klingen könnte. Erst in der Romantik entwickelten Dichter wie Wackenroder, Tieck und E.T.A. Hoffmann wieder eine Metaphysik der absoluten Musik. Das hatte u.a. den Palestrina-Stil, die Bach-Renaissance und den Cäcilianismus zur Folge. In der letzten Zeit ist eine Neo-Sakralisierung der Musik zu hören, die bis in die Popgeschichte reicht. Aber selbst der in Aachen katholisch aufgewachsene Sänger der graf von der Band unheilig gibt im September 2016 in Köln sein Abschiedskonzert.
Wir werden neue Lieder singen. //

Georg Maria Roers SJ
ist Erzbischöflicher Beauftragter
für die Bereiche Kunst und Kultur
und Künstlerseelsorger
der Erzdiözese Berlin //

 

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)
GEORG MARIA ROERS SJ
Georg Maria Roers SJ ist Erzbischöflicher Beauftragter für die Bereiche Kunst und Kultur und Künstlerseelsorger
der Erzdiözese Berlin.
E-Mail: georgmaria.roers@erzbistumberlin.de

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