Was ich liebe: Meine Klaviatur

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 02/206

Neulich besuchte ich meine Freundin Anna. Anna hat zwei süße Kinder, drei und sechs Jahre alt, die kurz zuvor Blockflöten geschenkt bekamen. Voll Stolz zeigten sie mir ihre Flöten und demonstrierten sogleich ihr musikalisches Talent – eines lauter und schiefer als das andere. Hilfesuchend guckte ich zu meiner Freundin herüber. »Gib mal her«, erbarmte sie sich, schnappte sich die Flöte der Tochter und entzückte uns, nach einigen Anlaufschwierigkeiten, mit einem kleinen Konzert. Keines von Bach oder Friedrich dem Großen, aber eine solide Sammlung von Kinderliedern, die sie seit fast 30 Jahren nicht mehr gespielt hatte. Und die Kleinen jubelten.
Auf dem Heimweg erinnerte ich mich an meine Laufbahn als musikalisches Genie. Erste Schritte landeten im Glockenspielunterricht an meiner Grundschule.
Wir bekamen von der Schule einfache Instrumente gestellt, manche Kinder brachten auch ihre eigenen, doppelreihigen Modelle mit. So eins musste ich natürlich auch haben, kriegte es und verlor nach kürzester Zeit das Interesse. Mit sieben Jahren meldete meine Mutter mich zum Klavierunterricht an. Einmal in der Woche marschierte ich mit meinem roten Übungsbuch voll einfacher Übungen zu Frau Dascher, der Lehrerin. Damals, noch vom Ehrgeiz getrieben, übte ich fleißig auf dem Klavier, das meine Mutter vorsichtshalber nur gemietet hatte – für den wahrscheinlichen Fall, dass mich die Freude am Spiel vorzeitig verlassen sollte. Ich wollte schnellstmöglich das rote Übungsbuch durcharbeiten, denn das zweite Buch war grün. Grün war immer meine Lieblingsfarbe, außerdem enthielt es schon schwierigere Melodien.
Kurze Zeit später nahm ich an der ersten kleinen Vorführung teil, die Frau Dascher in einem hübschen Saal für die Eltern organisiert hatte. Ich wurde als Zirkuspony verkleidet und gab Das kleine Pony aus dem grünen Buch zum Besten. Die Melodie habe ich heute noch im Kopf.
Meine Eltern waren stolz. So stolz, dass ich eines Tages zuhause anstatt des gemieteten ein antikes Klavier vorfand – eins mit Elfenbeintasten und gusseisernen Kerzenhaltern zur Beleuchtung des Notenständers. Für den theatralischen Auftritt.
Ich tastete mich mehr und mehr heran, hatte lange Freude am Klavierspielen, aber wenig Lust zu üben. Auf meinem schwarzen Schmuckstück komponierte ich kleine Stücke, so, wie Robert Schumann es einst Komponisten riet: »Fängst du an zu komponieren, so mache alles im Kopf! Erst wenn du ein Stück ganz fertig hast, probiere es am Instrumente.« Ich summte vor mich hin, erdachte Melodien und versuchte sie umzusetzen. Sogar Frau Dascher gefielen meine Kompositionen, wobei ich heute glaube, dass sie das nur so sagte, um mich weiter für das Klavierspielen zu begeistern.
Das Unheil begann aufzuflackern, als ich aufs Internat kam und Unterricht bei einem mir unsympathischen Lehrer bekam. Mittlerweile spielte ich schon kleine Menuette von Bach, der bis heute mein Lieblingskomponist ist, und war dabei, mir selbständig Beethovens Für Elise beizubringen. Meinem Lehrer ging ich auf die Nerven, weil ich anstatt Klavier lieber Volley- oder Basketball spielen wollte, aber den Todesstoß versetzte ich ihm mit dem Wunsch, die fürchterlich kitschige Ballade pour Adeline von Richard Clayderman lernen zu wollen. Widerwillig gab er nach, aber trotzdem: Mit 13 gab ich das Klavierspielen auf, leider, muss ich heute sagen. Anders als zu Frau Dascher hatte ich zu dem Lehrer keinen Draht und zudem andere Dinge im Kopf. Zuhause klimperte ich noch herum, aber nach einem Umzug war das Klavier verschwunden. Ich nahm das meiner Mutter sehr übel, weil das Instrument und ich eine Verbindung hatten. Ich glaube sowieso, dass Geige & Co. eine Seele haben und sich mit ihrem Spieler verbinden. Ich habe mal erlebt, wie ein kleiner Hund auf ein Klavier reagiert hat. Er sah es und fing zu bellen und zu knurren an. Jedesmal, wenn er daran vorbeikam, obwohl niemand jemals darauf spielte. Vielleicht wohnt in Instrumenten auch ein Geist, der Musikgeist, wer weiß das schon so genau? Ich danke meinen Eltern jedenfalls, dass sie mir die Musik nahegebracht haben, Musik ist immer das Größte, ob man sie selber macht oder sie aufsaugt. Und wie sagte einst Ludwig Börne? »Musik ist Gebet.«//

Stephanie Härtel

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