Geistlicher Impuls: Warum wir im Außen keine Erfüllung finden.

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/206

Wenn Menschen gefragt werden, was das Wichtigste für sie ist im Leben, dann nennen sie ihre Familie, die Arbeit, Gott, das Haustier… Ich glaube jedoch, dass für jeden Menschen das Wichtigste er selbst ist. Mit sich selbst ist er immer zusammen, in guten wie in schlechten Tagen, auch in Sterben und Tod. Wohin er auch geht: sich selbst nimmt er mit. Mittelpunkt der Welt eines jeden Menschen ist er selbst: Welt entsteht ja gerade so, dass die Wirklichkeit, quasi in konzentrischen Kreisen, um das Selbst herum angeordnet wird, je nach der Bedeutung, die etwas für einen hat.
Sich selbst, das Wichtigste im Leben, kann der Mensch solange nicht wahrnehmen, wie er sein Augenmerk nach außen richtet. Wer aufgeht im Streben nach der Erfüllung seiner Wünsche und seines Begehrens, der bekommt, was er ersehnt – im für ihn vermeintlich günstigen Fall: Erfolg, Prestige, Macht, Geld, Genuss, Publicity… Das berauscht ihn für einen Moment, im nächsten ist er unerfüllt wie zuvor: das Wesen des Selbst erreicht er so nicht. Der nach außen Lebende erfüllt das Klischee jenes reichen Mannes, der alle Zeit für seine Geschäfte verwendet, seinen Liebsten jeden Wunsch erfüllt, doch keine Zeit für sie hat. Das geht kaum gut. Hand aufs Herz: wann haben Sie das letzte Mal Ihr Selbst so wichtig genommen, dass Sie ihm Zeit und Zuwendung gegeben haben? Theater und Kino, Kneipe und Fussballstadion, Freunde und Verwandte, sie alle sind uns einen Besuch wert: aber wer besucht sich schon selbst? Wer versucht, in eine mehr als oberflächliche Beziehung zu sich zu kommen?
Wer diesem Widersinn entkommen will, sollte Folgendes probieren: Er setzt ich hin an einem ruhigen Platz – aufrecht und entspannt –, richtet seine Wahrnehmung zunächst auf den Atem und nach einer Weile auf das, was er von sich selbst gerade spürt: ein körperliches Phänomen, eine Stimmung, eine innere Regung.
Zu derselben Wahrnehmung kehrt er zurück, sobald Gedanken sich eingestellt haben. Ganz wichtig ist es, in der Wahrnehmung seiner selbst auszuhalten, auch wenn sie unangenehm und belanglos erscheint: Es geht darum, liebevoll bei dem Menschen zu verweilen, der man selbst ist, ihn zu lassen, wie er ist, gerade auch dann, wenn er bedürftig oder in keiner guten Verfassung ist. Wie eine Mutter bei ihrem Kind bleibt und es tröstet, so bleibt er bei sich selbst.
In dieser Übung erfüllt er, was die Bibel durchweg anmahnt: Hören! Er hört erst auf sich selbst, dann auf sein sich öffnendes Herz und schließlich auf Gott, wenn er jede Absicht, Erwartung und Vorstellung aufgibt. Was er dann vernimmt, führt ins Tun.
Ohne Innehalten und Gewahrwerden kennt der Einzelne nicht seine wirklichen Anliegen und läuft Gefahr, im Mainstream Ziele zu verfolgen, die nicht seine sind. Er wird benutzt, stolpert in Entwertung, Sinnleere und Unfreiheit. Um das Unwohlsein darüber nicht zu spüren, veranstaltet er »mehr vom selben«: mehr Stress, mehr Ablenkung, mehr Kampf gegen ausgemachte Gegner.
Der amerikanische Psychologe Maslow, bekannt durch seine »Bedürfnispyramide«, erforschte auch das Phänomen der »Gipfelerfahrungen«. Ihr Kern ist ein »Gefühl« von »das ist es!«: das Ende der Anstrengung und des Strebens, die Erfüllung des Begehrens und der Hoffnung, die Antwort auf die Sehnsucht und das Seufzen; es ist, als würde ein Schleier beiseite gezogen und die ultimative Wahrheit, das Wesen der Dinge, das Geheimnis des Lebens »geschaut«. In einer solchen Erfahrung kommt der Mensch ganz bei sich selbst an. Das gelassene, liebe- und vertrauensvolle Sich-Selbst-Besuchen macht keine Gipfelerfahrung, doch es bereitet den Menschen dafür. In kleinen Portionen meist und nicht ohne Herausforderungen nimmt es diese immer wieder vorweg. //

 

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PATER BETRAM Dickerhof SJ

Pater Bertram Dickerhof SJ leitet den Ashram Jesu (www.ashram-jesu.de).
Vor wenigen Monaten ist sein der Philosophie des Ashrams entsprechendes Buch erschienen: Der spirituelle Weg. Eine christlich-interreligiöse Lebensschule. Würzburg 2016

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