Weil wir lieben

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/2016

 

Samstag ist Sport. Nichts mit Ausschlafen oder lange frühstücken. Um 6.30 sitzen die Kleinen bei uns im Bett. Um 10.00 ist Vater-Kind-Turnen in der Kiezturnhalle um die Ecke. Eingeladen sind alle. Doch den Weg zur Bewegungslandschaft mit Sozialkontakt finden vor allem so neue Besser-Väter wie ich. Background akademisch, partnerschaftlich gleichberechtigt und in der Kindererziehung stets bemüht. Wir trinken Tee, essen die Brötchenreste unserer Kinder und laufen auf Socken durch den Spielbereich. Die meisten Eltern sitzen auf Bänken am Turnhallenrand und schweigen vor sich hin. Schreit ein Kind, zucken wir mit den Augenbrauen. Ist es unseres, rufen wir laut in den Raum rein. Ist es nicht unseres, lassen wir die Augenbraue wieder runter. »Nicht meines.« Wenn neue Väter mit Kindern reinkommen, nicken wir. Und schweigen gemeinsam. Bis einer mal was Neues erzählt. Das dauert mindestens fünf Samstage – eine lange Aufwärmphase.

Neues gibt es nicht viel zu erzählen: Partnerschaftlich ist es ja immer eine Herausforderung. Beruflich auch. Die meisten von uns machen irgendwas mit Technik. Entweder in der Fabrikhalle, als Programmierer, Start-Up – Mitglied, Berufsaktivist oder als Bastler. In Gesundheit und Bildung arbeiten nur wenige, einer macht in Unterhaltung. Als Straßenmusikant. Mit Tee in der Hand und frei schwingendem Gemächt in der Jogginghose sind wir alle gleich.

Unsere Väter hätten jetzt ein frisch gezapftes Pils zum Frühschoppen weggehauen, drei Kegelpartien absolviert, den Volkslauf organisiert und die Gulaschkanone der Bundeswehr angeheizt. Hätten Bäume gepflanzt, Straßen vom Müll gesäubert, die Kassenprüfung für den Verein sorgfältig durchgeführt und womöglich das Schützenfest vorbereitet.

So leben wir nicht: Wir trinken Biofrüchtetee. Und räumen die Springseile in die blaue Kiste. Geschafft – sind nur wir von der neuen Work-Life-Balance. Den Kindern, unseren Partnerinnen, dem Job. Zu erreichen gibt es nicht wirklich was.
Obwohl es so vieles zu tun gäbe. Tausend Projekte, tausend Challenges. Eine Zeit, in der die Welt jeden Tag eine andere ist, Gewissheiten diffundieren und das Extreme seine Fratze zeigt. Alles, was wir tun können zum Zeichen eines neuen Lebens: Essen, Sport, Flüchtlingshilfe, Kindererziehung.
Die Zeit ist eine neue, und auch wir Männer sind neu! Aber das gab es oft in der Vergangenheit. So ähnlich haben es unsere Väter gemacht. Warum also noch mal das Ganze? Weil das Leben so ist? Weil Bart jetzt in ist? Weil es eine Pflicht ist?

Sollen sie alle machen. Sind wir nicht.

Wir machen, was wir machen. Weil wir es lieben. Vor drei Wochen waren wir zusammen im Väter-Kinder-Ferienlager. Zwei Tage nur wir. Der Wald. Ein See. 15 Kinder. Und ein Bulli voll Nahrungsmittel. Es dauerte zwei Mahlzeiten lang, dann hatte jeder seinen Platz gefunden. Seine Aufgabe. Geschafft – haben wir das Wochenende. Geschafft – waren die Kinder. Und wir euphorisiert. Unser Teamprojekt hatte chaotisch begonnen, sich langsam strukturiert und über die Tage erfolgreich entwickelt. Jeder hatte seinen Anteil daran.
Für zwei Tage.

»Jede Generation hat ihre Aufgabe«, sagt die Geschichte.
»Die Familie ist unsere gemeinsame«, sagen die Frauen.
»Papa, kann ich haben?« sagen die Kinder. »Ein fettfreier Körper ist deine Mission«, flüstert die Selbstoptimierungsstimme. Manchmal geben wir nach. Konsequenz – das ist unsere Sache nicht. Geld oder Gruppenführung reizt uns nicht. Was uns antreibt, wissen wir selbst nicht so genau. Wer wir sind, schon gar nicht. Aber wir lieben, was wir tun. Und wenn es auch nur ein kleines bisschen ist. So wie dieses Samstagsding.

Zwei Stunden Ewigkeit, in denen wir nichts bereden müssen, nichts beweisen, nichts ausdiskutieren, einfordern, einstudieren oder neukreieren müssen. Nur Tee trinken und abwarten. Bis die Tür aufgeht und jemand Neues reinkommt mit seinen Kindern. Der noch sucht. Und dann mit uns hier nix tut. Außer: Lieben.
Dafür sind wir mittlerweile Manns genug. //

 

Sven Schlebes. Fotograf: Yves Sucksdorff
Unser langjähriger Autor und stellvertretende Chefredakteur Sven Schlebes hat eine Tochter und einen Sohn. Er wird in diesen Tagen 40 Jahre alt. theo gratuliert

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