Kommentar: Der Papst ist doch katholisch!

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2016

Ein erstaunlicher Vorgang in der »una sancta«: Noch kein Papst der Zeitgeschichte war innerkirchlich derart umstritten bis hin zu offener Ablehnung wie Franziskus, dieser Priester »vom anderen Ende der Welt«. Es ist von einem Kulturkampf die Rede, die Bewahrer und Traditionalisten gegen die Beweger und Reformer. Hier wird mit allen Mitteln gekämpft: »der Papst ist eigentlich gar kein Katholik«, der katholische Autor Alexander Kissler schreibt, Papst Franziskus praktiziere einen redseligen Relativismus, er wolle wohl lieber ein in Weiß gewandeter Dalai Lama sein, »ein UNO-Generalsekretär mit Brustkreuz«.
Und, besonders perfide: Es sei keineswegs ein katholischer Glaubenssatz, dass jeder Papst vom Heiligen Geist gewählt werde. Katholischer Glaubenssatz sei, dass die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, lautet ein Eintrag auf Facebook. Warum produziert Franziskus bei seinen Gegnern einen solchen Schaum vor dem Mund?
Aus zwei Gründen: er ist kein Theologe, er ist vor allem Seelsorger. Und, ganz fatal: er ist beliebt. Aber bei den Falschen, er ist beliebt bei »einer Welt, die allem Kirchlichen skeptisch gesonnen bleibt« (Kissler). Anerkennung und Beifall von Leuten, die der Kirche distanziert begegnen, ist den selbsternannten Hütern der reinen Lehre noch immer ein Greuel!
Es gibt aber noch einen sehr viel tiefer gehenden Grund: die Kirche des alten Europas versteht diesen Papst nicht, er spricht nicht ihre vermeintlich wohltemperierte Sprache, er kann als Südamerikaner mit der europäischen distanziert diplomatischen Art nichts anfangen. Es liegen eben nicht nur 11.000 Kilometer Luftlinie zwischen Rom und Buenos Aires, sondern auch große Unterschiede in der Volksfrömmigkeit. In Südamerika ist Kirche vielmehr Partner als paternalistischer Wächter, vielmehr naher Helfer als ferne Instanz, vielmehr einfacher Anwalt der Armen und Gestrandeten als komplizierter Part eines fein austarierten Gesellschaftsvertrages.
Dieser Papst sieht seine Kirche aus der Warte eines argentinischen Armenpriesters und genau dafür hat ihn das Konklave gewählt. Den einfachen Jesuiten scheren nicht die Struktur- und Wesensdebatten einer europäisch geprägten Kirche, es geht ihm nicht darum, aus 100-prozentigen Katholiken 150-Prozentige zu machen, er will als Hirte verlorene Schafe zurückgewinnen und als Pontifex Brücken bauen zu den Distanzierten und Zweifelnden.
Dieser Papst hält der europäischen Kirche den Spiegel vor: »Warum, Ihr lieben Bewahrer und Traditionalisten, wacht Ihr eifernd und hochmütig über die reine Lehre und könnt nicht mal eine Diskussion über Glaubensgrundsätze aushalten?« Denn fürs Protokoll: bisher hat der Papst nicht eine einzige gültige Lehre der Kirche außer Kraft gesetzt. Er hat lediglich, wie es der Abtprimas der benediktinischen Konföderation, Notker Wolf, ausdrückte, »genau die Bömbchen, die es in unserer Zeit braucht, (gelegt), und es sind Bömbchen, die aus dem Evangelium kommen, und da gibt es viele.«
Seine Gegner präsentieren als Fähnlein-Führer ihrer Anwürfe gern den deutschen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller.
Nun warnt ausgerechnet ebendieser seine Vereinnahmer vor einer Glorifizierung früherer Zeiten. »Wann immer man Zeitpunkte der Vergangenheit hernimmt und zur Norm erklärt, stellt man sich selbst ein Bein«, sagte Müller.
Dank des Papstes sei eine Gegenbewegung zum Rückgang der Zahlen der Gottesdienstteilnehmer wie insgesamt der kirchlich verbundenen Gläubigen festzustellen. Durch sein Auftreten schaffe eres, distanzierte Menschen an die Kirche heranzuführen und misstrauische oder gar feindselige Haltungen abzubauen. Franziskus könne »bis zu den größten Gegnern hin entwaffnend wirken«. Bei der Verkündigung des Papstes erkennt der Kardinal im Pontifikat von Franziskus »durchaus eine neue Note«.
Anders als er selbst sei der Papst »kein Berufstheologe«, sondern in erster Linie Seelsorger. Dies in die Ausübung des Papstamtes einzubringen, sei völlig legitim. Und setzt hinzu, er betrachte seine eigene Rolle als theologisches Korrektiv für den charismatischen Überschwang des Papstes.
Der charismatische Papst und der theologische Präfekt dürfen sich nicht beirren lassen an ihrer Arbeit für eine offene Kirche. Offen ist die katholische Kirche im Sinne von Franziskus, wenn sie dort ist, wo sie hingehört: bei den Verlassenen und Ausgegrenzten. Franziskus hat sich in die Tradition von Benedikt XVI. gestellt. Beide verbindet die Hoffnung auf eine Wiederkehr der wahren »Caritas« oder »Liebestätigkeit«, wie sie Benedikt in seiner grandiosen ersten Enzyklika »Deus Caritas est« bezeichnet hat.
Es ist die Hingabe und Fürsorge für den Nächsten, für den »Nähe« ein Fremdwort geworden ist, der staatlich alimentiert sich selbst überlassen und also verlassen war, der auch deswegen die Gegenwart eines Anderen, eines Größeren nicht mehr spüren konnte und wollte. Es ist die Hoffnung, dass durch die Hinwendung zu den Bedürftigen auch und gerade für diese die unendliche Liebe Gottes erleb- und erfahrbar wird und so ein vielleicht verschütteter Glaube zurückkehrt.
Diese Hoffnung ist universell und sie ist der Kern der römischen Kirche. Dieser Papst ist doch katholisch! //

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Albrecht von Croÿ ist Journalist und Unternehmensberater und Mitglied des theo-Kuratoriums

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