Sinkflug ins Selbst

Warum wir meditieren sollten, weiß der Psychologe und Neurowissenschaftler Ulrich Ott von der Universität Gießen. Maria Caspari hat sich mit ihm unterhalten.

Es sind die stetig vagabundierenden Gedanken und Emotionen, die dem Menschen nicht nur den Schlaf, sondern auch sein inneres Gleichgewicht rauben können. Durch Meditation wird der Geist leer und gleichzeitig unter Kontrolle gebracht. Ersteres schafft die Voraussetzung, nicht sofort auf jedes aufsteigende
Gefühl reagieren zu müssen, sondern es erst einmal mit Abstand zu betrachten.
Um diese Gelassenheit zu trainieren, reicht die alltagstaugliche Achtsamkeitsmeditation, sie schult das Bewusstsein – sogar beim Autofahren oder Kartoffelschälen. Ulrich Ott lehrt in Seminaren an der Giessener Universität das achtsame Hinsehen und Hinspüren. Die Teilnehmer lernen, beim Zähneputzen und Wäschewaschen sich selbst zu beobachten.
Den Grundgedanken hinter der Meditation nennt Ulrich Ott »unspektakulär«. Der Übende versuche, sich nur auf den Augenblick zu konzentrieren, und diese – scheinbar simple – Fokussierung auf das Bewusstsein habe erstaunliche Konsequenzen. »Neuste Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiges Meditieren das Gehirn verändert.«
Eine Aufgabe für Anfänger geht so: »Iss eine Rosine, schau sie von allen Seiten an, so genau, dass du sie in einem Haufen von Rosinen wieder erkennen würdest. Dann riech an der Rosine, leg sie auf die Zunge und fange langsam an zu kauen. Das ist ›achtsamkeitsbasierte Stressreduktion‹, die sogar psychische und körperliche Leiden lindern kann.«
Auch gesunde Menschen können von dem Training profitieren, häufig entstehen positive Empfindungen, und regelmäßiges Üben kann in einen nie erfahrenen Glückszustand münden, das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Wisconsin.
»Viele Menschen sehnen sich nach solchen Erfahrungen, doch die Wissenschaft lässt die Suchenden meist allein«, sagt Ulrich Ott.
Er selbst ist ein Suchender, forscht aber nach streng wissenschaftlichen Kriterien.
Er will herausfinden, was genau im Gehirn des Meditierenden geschieht. Seine Arbeitsgeräte: Elektroden zur Ableitung von Gehirnströmen an der Kopfhaut, aber auch der Kernspintomograf, ein Gerät, das die Hirndurchblutung der Versuchsperson misst. Ott vergleicht die Meditation mit mystischen Erfahrungen und ist überzeugt: Die Fähigkeit zur Liebe wird erst durch Meditation möglich für den Menschen. Im Exerzitienhaus Gries bieten Jesuiten christliche Meditationsseminare an wie auch der Ashram Jesu, eine christliche Lebensschule unter Leitung von Pater Dickerhof SJ.
Doch der Weg ist steinig, hat zu tun mit Stille und Zurückgezogenheit – vor allem aber mit der Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Das alles hält vor allem die Bewohner der «Zeit-ist-Geld-Kultur« häufig davon ab, den meditativen Weg überhaupt zu beschreiten.
Ulrich Ott hat selbst mehrfach an zehntätigen Meditationsseminaren teilgenommen: Schweigen und meditieren – neun Stunden am Tag, aufstehen um vier Uhr morgens. Anfangs seien seine Gedanken pausenlos abgeschweift, dann seien emotionale Konflikte aufgebrochen. Sogar Dämonen haben sich vor seinem geistigen Auge getummelt, bis irgendwann sich tiefe Zufriedenheit einstellte. Der Forscher war beeindruckt.
»Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie nur einen kleinen Teil der Realität wahrnehmen.« Raum, Zeit, Subjekt, Objekt, das alles seien Konstrukte, hervorgerufen durch Nervenzellen im Gehirn. Er sei von anderen Welten, anderen Dimensionen zutiefst überzeugt. Der Mensch, gebunden an Raum und Zeit, würde schon durch die kleinsten Sinneseindrücke in Gedankenketten hineingezogen, in Vorstellungen, Wünsche, Ängste, weiß Ulrich Ott. Religiöse Menschen glauben, dass hinter den tiefen Glücksgefühlen mehr steckt als eine elektronische Gehirnaktivierung: Sie beschreiben ein Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ist, ein unendliche Liebe ausstrahlendes Licht, die Auflösung des Zeitempfindens und einen tiefen Frieden.
So weit vorgedrungen auf dem Weg sind die Teilnehmer von Otts Seminaren noch nicht. Doch mit der Aufmerksamkeitsmeditation einmal zu beginnen, dürfte für beinahe jeden machbar sein. Tief durchatmen und aufpassen, was passiert! //

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