Mann deutlicher Worte

Der Katholik António Guterres aus Portugal wird ab Januar neuer Generalsekretär der Vereinten Nationen. Eine Nahaufnahme VON INES YOUNG

Reden können viele Politiker, Mitgefühl ausstrahlen wenige. António Guterres (67) kann beides, doch nicht nur diese Fähigkeiten haben ihn qualifiziert, die Nachfolge Ban Ki Moons im Weltsicherheitsrat anzutreten. Neben seinen politischen Erfahrungen als Portugals Regierungschef und Vorsitzender der sozialistischen Internationalen bringt er zehn Jahre un-Erfahrung mit. Bis Ende 2015 war António Guterres Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf, und als Chef des Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) gewohnt, mit humanitären Katastrophen weltweit konfrontiert zu werden. Sein diplomatisches Geschick befähigte ihn, mit Diktatoren und Revolutionären nicht nur zu verhandeln, sondern auch zusammenzuarbeiten. So wundert es nicht, dass Guterres alle Stimmen hinter sich bringen konnte, denn eigentlich sollte es eine Frau sein, die künftig an der Spitze der Weltorganisation die Geschicke der Erde lenken sollte. António Guterres war der einzige Bewerber, gegen den keine der fünf Mächte usa, Russland, China Frankreich und Grossbritannien während der Abstimmung ihr Vetorecht einsetzte.
Schnell war klar geworden: Guterres bringt alle Voraussetzungen mit, um das schwierige Amt auszufüllen: Seine Führungsstärke basiert auf einem christlich motivierten Werteverständnis, seine Beliebtheit auf seinem sozialen Engagement. Dabei gab es ein knallhartes Ringen um den Posten: Aus Neuseeland, Bulgarien, Kroatien und Moldawien hatten sich Kandidatinnen in Stellung gebracht, doch die Supermächte USA und Russland hatten jeweils gegen eine Kandidatin gestimmt und so eine Frau zu verhindern gewusst. Guterres übernimmt die Organisation in schwerer Zeit.
Die verfahrene Weltlage, die Krisen im Nahen Osten, Massenflucht und der Klimawandel, vor allem aber die neue Regierung der usa machen die Politik nicht einfacher. Von ihm werden nun Impulse erwartet, Ideen, Strategien, um die Ursachen von Flucht und Vertreibung rund um den Globus zu bekämpfen.
Der rhetorische Vollprofi Guterres, der deutliche Worte schätzt, hat bereits kräftig angepackt beim unhcr, hat es reformiert. Weniger Menschen sind heute am Hauptsitz in Genf stationiert, dafür mehr in den Einsatzgebieten, 89 % der insgesamt 9700 Mitarbeiter. Die Kosten der Verwaltung hat er drastisch reduziert, viel mehr Mittel fließen jetzt in die praktische Hilfe.
Das Neue Testament nennt der gelernte Diplom-Ingenieur einen zentralen Richtungsweiser in seinem Leben, schon als Student engagierte er sich in den 1970er Jahren in Lissabons Armenvierteln als Sozialarbeiter. Dort habe er Demut und Liebe zu den Menschen gelernt, sagte er einmal in einen Interview. 1974 ging er in die Politik, wurde zwei Mal Ministerpräsident. Bis heute blieb er den Portugiesen in Erinnerung wegen seines sozialen Gewissens.
Dass zum Leben auch Leid gehört, hat er selbst schmerzlich erfahren: 1998 starb seine erste Ehefrau Luisa Amelia Guimaraes e Melo mit 51 Jahren an Krebs, ein Sohn und eine Tochter aus dieser Ehe waren ihm Trost und Stütze. Heute ist er mit der Juristin und ehemaligen Kulturbeauftragten Lissabons, Catarina Marques de Almeida Vaz Pinto, verheiratet.
Entsprechend stolz ist man im krisengeschüttelten Portugal auf den Erfolg des Landmanns: »Wie gut, wenn der Beste gewinnt«, schrieb Präsident Marcelo Rebelo de Souza in der Zeitung Diário de Noticias. »Und umso besser, wenn es ein Portugiese ist.« Dabei hätte Guterres selbst beste Aussichten gehabt, Präsident Portugals zu werden, doch er verzichtete, um die deutlich unsicherere Kandidatur zum UN-Generalsekretär zu wagen, mit Erfolg, wie sich gezeigt hat. //

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