Die falsche Sehnsucht nach der Stunde Null

// ABGEDRUCKT IN: THEO 02/2017

Alles auf Anfang, alles noch mal neu und nun aber richtig, die Reset-Taste drücken: wer kennt sie nicht, diese Anwandlungen, sein Leben noch einmal von vorne starten zu dürfen. Meist geht diese Sehnsucht mit der Vermutung oder Erkenntnis einher, zu viele Fehler gemacht zu haben, zu viel verpasst, zu viel unterlassen zu haben. Es ist die Sehnsucht nach einem »runden« Leben im Einklang mit der Zeit. Es ist vielleicht ein kleiner Trost dafür, dass dies ein ewiger unerfüllter Traum bleiben wird, wenn wir uns erinnern, dass schon der »Erfinder« der christlichen Zeitrechnung, also der ersten Stunde Null, sich schlicht geirrt hatte. Es war der römische Mönch Dionysius Exiguus, der um 500 n. Chr. nicht mehr die Jahre nach dem Regierungsantritt des jeweiligen Kaisers zählte, sondern die »anni ab incarnatione Domini« (Jahre nach der Menschwerdung Gottes). Dionysius datierte Christi Geburt nach alter Zählung 754 »ab urbe condita« (a.u.c. von Gründung der Stadt an). Somit wurde das Jahr 755 a.u.c. zum Jahr 1 nach Christus. Doch Dionysius verrechnete sich um vier bis sieben Jahre, so dass die Geburt Jesu in der Forschung zwischen 7 v. Chr. und 4 v. Chr. datiert werden muss. Der Fehler rührte aus unterschiedlichen Zeitlängen des heutigen 365-Tagetheo Kalenders und der jüdischen Zeitrechnung. Zudem ergaben Berechnungen von Himmelsforschern, dass es eine besondere Sternenkonstellation genau zu dem gesagten Datum über Bethlehem gab.
Die Stunde Null von Menschenhand und -kopf festlegen zu wollen, schon nur die Sehnsucht danach ist ein Wagnis, das zeigt die Geschichte des Mönchs Dionysius Exiguus. Die Stunde Null ist ein Phantasieprodukt aus Hirnen, die mit ihren Sinnen nicht im Reinen sind. Der Mensch lebt kein perfektes Leben, wer oder was sollte auch der Maßstab für solche Perfektion sein? Der Mensch verpasst, übertreibt, unterlässt und vergeigt.
Nicht von ungefähr war es ein Mönch, der sich intensiv mit der Zeit beschäftigt hat. Es sind die, die vermeintlich Zeit im Überfluss haben, die uns ein zeitgemäßes Beispiel sind. Klöster sind Inseln der Zeit, weil in ihnen nicht die Sehnsucht nach einer nachzuholenden Vergangenheit herrscht, sondern eine gottgefällig Einheit mit der Gegenwart.
Der Mönch Dionysius Exiguus lebte kein perfektes Leben, denn er hat sich in einem wesentlichen Punkt verrechnet. Dennoch verdanken wir ihm unsere »Zeitrechnung«. Perfekt! //

08e7d02

Albrecht von Croÿ ist Journalist und Unternehmensberater und Mitglied des theo-Kuratoriums.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *