Was ich liebe: Ordnung kommt von Orden

ABGEDRUCKT IN THEO 2/2017

Von Stephanie Härtel

Meine Großmutter war keine strenge Frau. Sie war schnell beleidigt, leicht nachtragend, aber nie unerbittlich. Nur, wenn es ihr zu bunt wurde, zog sie eine Trumpfkarte, die auch bei mir immer zog. Und die hieß: »Wenn du nicht hörst, kommst du zu den Nonnen ins Kloster.« Zur Ehrenrettung meiner Großmutter muss ich noch sagen, dass sie diese Karte nur im äußersten Notfall ausspielte. Seit frühester Kindheit hatte ich eine Heidenangst vor Ordensschwestern. Bei einer Familienfeier hatte ich die Geschichte einer entfernten Verwandten aufgeschnappt, die in einem von Nonnen geführten Kinderheim aufgewachsen und der es in dieser Zeit schlecht ergangen war. Diese Schreckensgeschichte hatte sich mir ins Gedächtnis geprägt – und blieb dort wie ein Stachel. Erste Anzeichen der Überwindung dieser Angst zeigten sich während des vorbereitenden Unterrichts auf die erste heilige Kommunion: wir machten einen Ausflug in ein nahegelegenes Kloster, in dem die Hostien hergestellt wurden. Vor Angst schlotternd weigerte ich mich mitzufahren.
Erst nach viel gutem Zureden überwand ich mich und was geschah? Gar nichts! Die Schwestern waren freundlich und bewirteten uns mit Limonade und Süßigkeiten.

Endgültig verlor ich meine Angst aber erst auf dem Internat. Frau Wacker, unsere Gruppenleiterin, gehörte einem Orden an, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Frau Wacker war keine Ordensschwester, wie man sie sich vorstellt, sie trug keinen Habit. »Nonne in Zivil« nannten wir sie kess, um ihre Erscheinung zu erklären.
Im Gegensatz zu meiner Großmutter war Frau Wacker eine sehr strenge Person. Jeden Morgen um 6.35 Uhr marschierte sie mit entschlossenem Schritt und lautem Absatzgeklapper über den Linoleumboden unseres Ganges, öffnete, nachdem sie geklopft hatte, energisch jede Tür und schaltete mit einem forschen »Guten Morgen« das Licht an.
Frau Wacker sammelte auch liegengebliebene Sachen ein und verteilte diese montags nach der Schule an ihre Besitzer. Für jedes Teil gab es einen Strich in einer Monatsliste. Wer mehr als fünf Striche innerhalb eines Monats sammelte, hatte danach vier Wochen Schrankkontrolle – eine Maßnahme, die den Ordnungssinn stärken sollte. Bei dem einen half es, bei dem anderen nicht – bei mir eher weniger. Aber Frau Wacker war nicht nur streng, sie war auch sehr gerecht – eine Eigenschaft, mit der sie sich trotz ihres straffen Leitungsstils bei uns beliebt machte. Und so kam es, dass wir sie schmerzlich vermissten, als sie für ein Jahr zur Glaubensstärkung nach Lourdes ging.
Doch sie kam zurück und blieb für ein weiteres Jahr meine Gruppenleiterin, bis ich in die Mittelstufe wechselte.
Ich besuchte sie danach noch einige Male in ihrer kleinen Wohnung am Ende des Gebäudetraktes, um mit ihr über das Leben zu philosophieren, denn trotz ihres festen Glaubens und ihres Gelübdes hatte sie keine missionarischen Ambitionen und verstand die Sorgen und Nöte heranwachsender Mädchen.
Nach dem Abitur und der Schließung der Internate verlor ich den Kontakt zu ihr und habe sie auch nie wieder ausfindig machen können. Manchmal denke ich an sie und daran, wie sie vergeblich versucht hat, mir Ordnung beizubringen, ohne daran zu verzweifeln. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich das mit der Ordnung irgendwann doch noch in den Griff bekommen habe. Ein abgenudeltes Sprichwort sagt »man trifft sich immer zweimal im Leben«. Vielleicht wird es ja für Frau Wacker und mich wahr, wer weiß. //

 

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