Die Schatten im Rotlicht

ABGEDRUCKT IN THEO 2/2017

Von Stephanie Härtel

theo 2_2017_Die Schatten_im_RotlichtMit Rotlicht stößt Nora Bossong eine Tür zu einem Milieu auf, durch die die meisten Menschen, vor allem Frauen, noch nie gegangen sind: zu Bordellen und Saunaclubs, Swingerparties und Tabeldancebars. Bossongs Reportagen aus dieser Schattenwelt sind eingebettet in essayistisch-philosophische Gedanken über Begehren und Lust. Wie kam die preisgekrönte Autorin auf ein solches Thema? Als Bossong elf Jahre alt ist, wird die rotlackierte Tür eines Sex-Shops in Bremen für sie ein unergründlicher Ort der Geheimnisse und Verbote, den sie nur heimlich aus den Augenwinkeln beobachtet. Eine Neugier breitet sich in ihr aus, die sie nie wieder losläßt und der sie 25 Jahre später als anerkannte Schriftstellerin nachgeht.

Herausgekommen ist keine Schlüssellochlektüre, sondern eine klare, aber keineswegs kalte Beschreibung des alltäglichen Sexhandels, des großen Geschäfts mit der Lust also. Auf 235 Seiten nimmt sie den Leser mit auf Sexmessen, in muffige Sexkinos, pinkfarbene Bordellzimmer und schäbige Swingerclubs. Sie läßt sich bei ihren Tauchgängen in eine deprimierende und verstörende Welt meistens von männlichen Freunden begleiten, die gleichzeitig ihre Beschützer sind. Weil es gar nicht anders geht und sie als Frau dort wie ein Fremdkörper wahrgenommen wird. Frauen sind in dieser Welt käuflich – und nichts anderes.

Bossongs erschütternde Beobachtung: Sex ist heute an quasi jedem Ort für 30 Euro zu bekommen und darunter. Diese Dumping-Preise haben den Verfall jeglichen Respekts mit sich gebracht – wenn er in diesem Gewerbe jemals da war. Deutsche Frauen in dieser Schattenwelt anzutreffen, ist eine Ausnahme, die meisten Sexarbeiterinnen sind aus Osteuropa hierhergekommen und treiben auf einem Boot der permanenten Selbsterniedrigung. Und dann beschreibt Nora Bossong noch die männliche Lust – und die große Traurigkeit, die sich nach der Befriedigung einstellt. Den Voyeurismus, dem Nora Bossong in den schäbigen Sexbuden begegnet ist, bedient sie selbst nicht…

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