Kolumne „Was ich liebe“, Folge 53: Herbstsonaten

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2018

Kolumne „Was ich liebe“ Folge 53: Herbstsonaten

VON STEPHANIE HÄRTEL

Diesen Text schreibe ich am kalendarischen Herbstanfang. Ein nicht endenwollender Hitzesommer hat sich endlich verabschiedet, den Tag habe ich herbeigesehnt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag den Sommer, die langen Tage, die lauen Nächte und das Lachen im Wind. Selbst in der Stadt springt das satte Grün der Bäume und Sträucher mich an, das fröhliche Treiben im Freien atmet Leichtigkeit und Lebenslust.

Doch irgendwann reicht es mir, so ist es jedes Jahr. Meine Sommersättigung tritt exakt an dem Tag ein, an dem die Mauersegler verschwinden. Ohne großes Bohei, wie es die Kraniche oder Wildgänse veranstalten, die sich mit lautem Geschnatter über Tage hinweg vom ganzen Land verabschieden. Die Mauersegler sind plötzlich nicht mehr da, haben sich ganz still aufgemacht nach Afrika. Sind sie weg, ist für mich auch der Sommer weg, ganz gleich, welche Temperaturen der Himmel für uns vorgesehen hat.

Und dann endlich beginnt sie: Meine Jahreszeit! Es ist die Zeit des Wandels, und Wandel, so lernte ich früh, ist das einzig Beständige im Leben und damit wohl irgendwie gut. Es ist auch die Zeit der Feste: Weinlese und Erntedank, Allerheiligen und später St. Martin. Die Sonne des Herbstes hat eine ganz eigene Wärme und zündet viele Farben an, und erst leise, dann immer lauter vernehmbar ziehen die ersten Winde über Dächer und Felder, bitten die Zweige zum Tanz nach der Melodie des Blattwerks. Diesem Orchester möchte ich ewig lauschen, es ist für mich die schönste Musik der Welt.

Als ich noch in Großbritannien lebte, nicht weit weg vom Meer – Sie werden sich womöglich erinnern, ich berichtete von dort – war der Wind immer da, bei Sonne und Regen, er blieb beständig. Nur an einem einzigen Tag schaffte er es nicht übers Land, die Insel döste unter totaler Windstille, und das war ausgerechnet am Pfingstsonntag 2012, dem Fest des Heiligen Geistes. Dabei könnte den Briten ein bisschen religiöse Aufwirbelung wirklich nicht schaden.
Der Wind, der wie alle Elemente zum Launischen, Unberechenbaren neigt, ist allein unsichtbar, muss einiges bringen, um auf sich aufmerksam zu machen. Hoch oben in den Lüften ist er oft allein, bloß einige Vögel leisten ihm Gesellschaft, sie fühlen sich so wohl bei ihm, dass der Albatros sich ihm im Flug sogar schlafend anvertraut. Mit dem Wasser übrigens verbindet den Wind eine uralte Rivalität – schon die griechischen Philosophen waren sich uneinig, wer von beiden der Urstoff sei. Doch Rivalen haben immer etwas gemeinsam, Wind und Wasser womöglich eine heimliche Liebelei. Das mutmaßte Goethe in seinem Gesang der Geister über den Wassern: »Wind ist der Welle lieblicher Buhler, Wind mischt vom Grund aus schäumende Wogen.«

Höchst unterhaltsam bis aufregend finde ich es, wenn der Wind im Herbst ächzt und stöhnt, sich mächtig aufplustert zum Sturm, also wenn das Orchester richtig loslegt. Eine Woche nach Pfingsten, damals in Großbritannien, hatte der Wind es sich noch einmal überlegt, suchte die Insel als regelrechter Orkan heim. Mit großem Tam-Tam feierten die Briten gerade das 60-jährige Thronjubiläum ihrer Queen, die zu diesem Anlass ihren Untertanen gleich zwei Feiertage schenkte. Da machte der Heilige Geist noch mal mit Verve im Königreich auf sich aufmerksam. Ob es was genutzt hat? //

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