Krankheitsbild Klerikalismus

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2018

Kritik: Krankheitsbild Klerikalismus

VON PATER KLAUS MERTES SJ

Papst Franziskus prangert es an: das gesamtkirchliche Problem des Klerikalismus, also auch die Überhöhung des priesterlichen (Selbst)Verständnisses. Es helfe, auch Verbrechen von Priestern zu vertuschen.

1 Eine achtzigjährige Frau erzählt: Ein Leben lang nimmt sie regelmäßig am kirchlichen Leben teil. Der Besuch der heiligen Messe ist eine tragende Konstante in ihrem Leben. Kürzlich war sie zur Feier einer goldenen Hochzeit eines katholischen Ehepaars eingeladen. Beim Kommuniongang merkt sie, dass den Kommunionempfängern die geweihte Hostie in den Mund gelegt wird. Gewohnheitsmäßig signalisiert sie jedoch, vorne angekommen, ihre Bereitschaft zum Kommunionempfang durch Öffnung der Hände. Der Priester schüttelt den Kopf. Ein kurzer Moment der Unsicherheit. Den nutzt der daneben stehende, erwachsene Messdiener, um der Frau die Patene unter den Hals zu halten. Die Patene drückt auf den Hals, so dass die Frau den Mund öffnet und der Priester ihr die Hostie in den Mund stopft. Danach hat die Frau mehrere Tage lang Alpträume. Sie fühlt sich vergewaltigt.

Oder: Für eine Ortschaft wurde auf Grund des Priestermangels entschieden, dass dort nur noch in angekündigten Ausnahmefällen ein Sonntagsgottesdienst vor Ort gehalten werden soll; die Gläubigen sind gehalten, sich sonntags in die zentrale Pfarrkirche zu begeben, die 30 km entfernt liegt. Daraufhin bildet sich ein Hauskreis. Er will in der örtlichen Kirche sonntägliche Wortgottesdienste für diejenigen anbieten, die den Weg in die zentrale Pfarrkirche nicht finden. Der Pfarrer genehmigt die Initiative für einmal im Monat. Der Hauskreis bereitet die Liturgie sorgfältig vor. Die ersten Wort-Gottes-Feiern sind gut besucht. Die Frage nach einer anschließenden Kommunionfeier kommt auf. Sie wird ablehnend beantwortet. Trotzdem kommen immer mehr Gläubige in die Ortskirche, denn die Laien predigen gut, mit Sinn, Verstand und Lebensnähe. Daraufhin entscheidet sich der Pfarrer, die Genehmigung zurückzunehmen. »Meine Kirche leert sich zu sehr.«

Man könnte Geschichten dieser Art, von denen sich viele weitere erzählen ließen, als ein problematisches Verhalten von einzelnen Klerikern betrachten und alternative Geschichten von Priestern erzählen, die in vergleichbaren Situationen nicht eng oder defensiv agieren. Klerikalismus ist aber nicht nur ein Problem von Klerikern. Es gibt nicht-klerikale Kleriker, und es gibt klerikale Laien. Klerikale Kleriker gibt es jedenfalls in der Regel nicht ohne sie. Klerikalismus kommt durch einen Prozess von innerkirchlichen Übertragungen und Gegenübertragungen zustande. Deswegen ist er mehr als ein Problem von einzelnen Personen, die zum Klerus gehören, sondern ein gesamtkirchliches Thema.

2 Papst Franziskus meint nun, der »Klerikalismus« sei schuld an Missbrauch und Vertuschung. Was könnte er damit meinen? Klerikalismus besteht – entgegen einer theologisch angemessenen Auffassung vom Weihe-Priestertum – in der Überhöhung des priesterlichen (Selbst)Verständnisses: Priester hätten eine größere Nähe zu Gott und mehr Wissen über die Seelen der Menschen; sie wüssten besser, was für sie gut und gottgefällig ist. Priester hätten sogar »Macht über Gott«, so Papst Benedikt xvi zu Beginn des Priesterjahres 2009, den Pfarrer von Ars zitierend; sie befehlen Gott, in die Hostie hinabzusteigen, und er tut es. Priester können auch Sünden vergeben. Es mag sein, dass Priester selbst die eine oder andere Schwäche oder Marotte haben, aber wegen der Höhe ihres Dienstes entzieht es sich im Zusammenhang der Überhöhungs-Mentalität dem Bereich des Vorstellbaren, dass Priester schwere Verbrechen begehen. Es entsteht ein verbreitetes Interesse daran, die Befleckung der Priesteraura durch schwere Schuld und Verbrechen nach Möglichkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen und sie allein dadurch schon zu vertuschen. Als Jugendliche versuchten, ihren Eltern von erlebter sexualisierter Gewalt durch Priester zu berichten, hörten sie Sätze wie: »So spricht man nicht über einen Priester!«

Papst Franziskus spricht im Kontext seiner Klerikalismus-Kritik auch von klerikalen »Netzwerken«, die typisch seien für Klerikalismus. Zunächst: Die Versuchung zur klerikalen Überhöhung knüpft, wie das Versuchungen immer gerne tun, an dem Quäntchen Wahrheit an, das darin besteht, dass der priesterliche Dienst ja tatsächlich ein hoher Dienst ist. Die Überhöhung fördert dann aber auch die Bildung von informellen Netzwerken gerade unter Klerikern und ihrem Umfeld, die sich in der Überhöhung gerne bespiegeln und darin zueinander finden.

Es kommt ein weiteres Element hinzu: Homosexuelle Männer dürfen bekanntlich nicht zu Priestern geweiht werden. Wer sich dennoch durch eine Lüge über die eigene sexuelle Orientierung die Zugehörigkeit zum Klerus erkauft, hat nicht nur ein Interesse daran, die Lüge zu verstecken, sondern vielleicht auch noch zusätzlich eine besondere Tendenz dazu, sein eigenes Priestersein zu überhöhen, um die Lüge zu rechtfertigen. Es gibt auch homosexuelle Kleriker, die erst nach ihrer Priesterweihe ihre sexuelle Orientierung erkennen; sie werden durch die Verhältnisse in das Schweigen gedrückt. Daraus ergeben sich insgesamt Doppelbödigkeiten, aus denen wiederum Abhängigkeiten und Erpressungssituationen folgen können, die besonders eng zusammenschweißen.

Doch der Begriff der »homosexuellen Netzwerke« hat eine diffamierende Seite. Es gibt homosexuelle Kleriker, die nicht zu solchen Netzwerken gehören, und es gibt heterosexuelle Kleriker, die zu solchen Netzwerken gehören. Und es gibt auch heterosexuelle Kleriker, die in Doppelbödigkeiten leben. Deswegen ziehe ich den Begriff der »männerbündischen Netzwerke« vor. Das Schlüsselproblem dieser Netzwerke ist eben nicht die Frage nach der sexuellen Orientierung, sondern die nach dem Interesse an Zugang zu Macht: Karrierismus. Klerikale Karrieren in der Kirche beruhen seit dem Pontifkat von Johannes Paul II vermehrt auf der Fähigkeit zum informellen Netzwerken. Je informeller Karrieren in der Kirche zustande kommen, umso stärker wird der Loyalitätsdruck nach innen und im Fall der Fälle das Vertuschungsinteresse nach außen. Man verdankt sich gegenseitig sehr viel und schützt sich selbst, wenn man sein Netzwerk schützt. Daran hängen Machtzugang und Machterhalt. Dies alles bekommt nun unter dem Druck der Aufklärung Risse.

3 Die faule Frucht des Klerikalismus heißt Herzlosigkeit. Anthony Fisher, Erzbischof von Sidney, brachte es dieser Tage vor der Royal Commission auf den Punkt: »Meine Kirche hatte kein Mitleid mit den Opfern von Priestern, denn wir wollten keinen Skandal. Der Missbrauch stach uns in die Augen, aber wir wollten ihn nicht sehen.« Egal ob man alten Frauen konsekrierte Hostien in den Mund stopft, zarte Pflänzchen von Laieninitiativen zertrampelt oder Opfer von klerikalem Missbrauch ohne Empathie anhört: Es sind dies Früchte einer Selbstüberhöhung, die sich als Dienst am Heil der Seelen missversteht. Wer sich gerne selbst bespiegelt, ist sehbehindert für die Freuden und Schmerzen anderer. Es bedurfte in Irland, in den USA und in Australien unabhängiger Kommissionen, um die katastrophalen Folgen des Klerikalismus für die Opfer von Missbrauch aufzudecken. Anderen Ländern und Kontinenten werden vergleichbare Prozesse nicht erspart bleiben. Wir befinden uns in einer weltkirchlich relevanten Wende-Zeit. Der Prozess ist in den Strukturen, die der Kirche zur Verfügung stehen, letztlich nicht steuerbar – und noch weniger, wenn die personellen Besetzungen an den Spitzenpositionen der Kirche vornehmlich über Netzwerke zustande kommen. Klerikale Netzwerke können sich nicht selbst aufklären. Das entlastet den Klerus zwar nicht aus seiner Verantwortung in der Krise. Aber es ist auch die befreiende Einsicht dieser Tage: Das Evangelium rückt der Kirche mit seiner Kritik des Klerikalismus (vgl. Mt 23 u.a.) näher auf den Pelz. Da liegt Zukunftsmusik drin. //

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