Die Dörstels

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/2019

Interview: Die Dörstels:

„Warum seid ihr nicht einfach normal“?

Genugtuung oder Enttäuschung: Die Wege, die ihre heranwachsenden Kinder beschreiten, können Eltern nicht zwingend beeinflussen. Vier Geschwister aus dem rheinischen Brühl, Töchter und Söhne eines Kölner Schuhhändlers, haben, statt die väterlichen Geschäfte weiterzuführen, sich lieber auf den religiös/spirituellen Weg begeben, wenngleich in unterschiedlichen Traditionen.

 

TEXT BRIGITTE HAERTEL
FOTOS THILO SCHMÜLGEN

 

Eine Begegnung am Küchentisch
 
Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass drei der vier Kinder von Willy Dörstel und seiner Frau Mathilde langsam den Kinderschuhen entkamen: Wilfried (*1952), Regina (*1954) und Annette (*1956) waren unbeschwert im rheinischen Brühl herangewachsen, das vierte Kind der Familie, Markus (*1967), ein Nachkömmling, lag noch in den Windeln. Es war die Zeit, als Studenten gegen den Muff aus tausend Jahren demonstrierten, als im Fernsehen das heitere Beruferaten genau diese Studenten sehr langweilte und als Jungens noch Lokomotivführer werden wollten oder Schlagzeuger, Unternehmer oder Existentialist, je nach sozialem Milieu.

Zudem war es faktisch die erste Generation, in der die meisten Mädchen frei über ihre Berufswahl entscheiden konnten, und es auch taten. Willy Dörstel, der vier Schuhgeschäfte in Köln besaß, konnte also getrost davon ausgehen, dass mindestens eines seines vier Kinder diese Geschäfte weiterführen würde, oder vielleicht sogar jedes Kind einen Laden? „Wir waren so etwas wie die Schuh-Mafia hier in der Gegend,“ sagt Markus Dörstel, der Jüngste, heute 52 Jahre alt. „Mein Vater, sein Bruder, seine Schwester hatten Schuhgeschäfte in Wesseling, Brühl und Köln.“

Heiter und gänzlich unaufgeregt begrüßen die vier in die Jahre gekommenen Geschwister im ehemaligen Brühler Elternhaus den Besuch, der gekommen ist, um mehr über sie zu erfahren. Über die Geschichte von 2 Jungen und 2 Mädchen, die von den Eltern im katholischen Glauben erzogen und die selbst zu spirituellen Lehrern wurden, deren Arbeit jedoch verschiedene religiöse Traditionen umfasst.

Alle vier sind um einen großen Esstisch versammelt, auf dem eine Schüssel mit Gummibären und Lakritz das Verbindende aus Kindertagen zu unterstreichen scheint.

Die väterlichen Schuhgeschäfte hat keiner von ihnen übernommen, was an sich nichts Ungewöhnliches ist. Ungewöhnlicher ist es, dass alle vier in geistigen Berufen landeten. Der Älteste, Wilfried Dörstel, ist Kunsthistoriker, Kampfkunstlehrer und geweihter buddhistischer Mönch geworden, Annette Dörstel, die jüngere Schwester, katholische Religionslehrerin, die zum Protestantismus konvertieren will, Regina Dörstel, die Zweitälteste, ist Reitlehrerin, leitet ein Yogazentrum in Wales und fühlt sich der hinduistischen Lehre verbunden, und Markus Dörstel sorgt als Pastoralreferent des Erzbistums Köln für die Seelen einer Brühler Gemeinde.

(…)

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