Wer nicht küsst bleibt ungeküsst

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2019
Serie: Liebe x sechs.

Liebe – sie soll der Treibstoff des Universums sein und noch mehr. In einer Serie untersucht theo die Formen der Liebe.

6. Menschenliebe

Wer nicht küsst bleibt ungeküsst

VON SVEN SCHLEBES
FOTO Bagus Ghufron, unsplash

Vor ein paar Wochen goss ich Essig in die großen, schönen Glasvasen bei uns am Fenster, um die Kalkschichten zu entfernen. Es funktionierte wunderbar. Ich vergaß lediglich, dass es Essigwasser war, was sich am Boden befand, als ich neue Sonnenblumen hineinstellte. Nach nur 24 Stunden waren sie verwelkt. Von innen zerstört.

Wenn ich mich in Menschengruppen aufhalte, explizit in Erwachsenengruppen, fühle ich mich genauso. Nach drei, spätestens vier Stunden bin ich müde, leer und ausgesogen: Das Gerede über Strategien und Visitenkarten, Konsumprodukte und Ängste aller Art garniert mit schillernden Eitelkeitspetitessen und dem Sud aus reflexiver Berechnung und innerer Buchhaltung – Was bringt mir das? Sehe ich gut aus? Ich bin jetzt auch mal dran! – machen mich fertig. Als ich bei einer letzten Gruppensitzung das ritualisierte „Fröhliche Beisammensein“ ausließ, raunte mir meine Nachbarin beim Gehen zu: „Sven – du bist schon so ein kleiner Soziopath, oder? Üb’ dich mal in Menschenliebe und Lebensfreude. Sonst wird das nix mit dir – und uns.“ Dann ging ich.

Einer der ersten Kunden, für den ich in Berlin arbeiten durfte, hatte sich der sogenannten Philanthropie verschrieben: Ein Konzept aus der Antike – der Freund (Philos) des Menschen (Anthropos) – das sich durch die Jahrhunderte hindurch parallel zur christlichen Nächstenliebe weiterentwickelt und je nach Denkschule als naturgegebene menschenfreundliche Gesinnung verstanden hat: Menschenliebe als eine jedem Menschen innewohnende Naturgabe, die bloß freigelegt und ausgelebt werden müsse. Im 19. Jahrhundert erhoben die philanthropischen Anhänger die Liebe – sie soll der Treibstoff des Universums sein und noch mehr. In einer Serie untersucht theo die Formen der Liebe. Erziehung zur allgemeinen Menschenliebe als universelles Ziel: Anderen helfen, vor allem finanziell, und möglichst das Übel an der Wurzel ausrotten (Ursachenbekämpfung) und nicht im Barmherzigkeitsgedusel der christlichen Nächstenliebe beim einmaligen Hilfsakt – Hier haste mal ’nen Euro. Kauf dir was zu essen! – versumpfen: Eben der wirklich gute Mensch. Ein Reizwort in heutigen Zeiten, in denen allgemeine Unsicherheiten und Ängste Menschen und ihre Lebenskonzepte in Grenzregionen treiben, in die sie nie wirklich wollten, und die in aller Mattigkeit, allem Überdruss und aller Überforderung das Gutsein im Treibsand der inneren Wüste nur zu gern versacken lassen. Ähnlich wie die christliche Nächstenliebe ist die philanthropische Menschenliebe verdächtig geworden. Der beiden innewohnende Altruismus ist längst philosophisch als Egoismus und Überlebensstrategie enttarnt worden, das einst so hell leuchtende Strahlen des Für-den-Anderen-da-Sein vergilbt irgendwo zwischen Instagram-Postings – Seht her, wie gut ich bin – und der unglamourösen, anstrengenden Hilfsarbeit im Alltag und einer gefühlten Übergangenheit ehemaliger Helfer zu Gunsten eines überhöhten Opferkultes.

In einer Gesellschaft, die nach Halt und Identität sucht, ist Helfen zum Statement geworden. Das Echte tritt zurück. Das Symbol übernimmt die Macht. Alles ist Politik. Alles ist gläsern – auch das Private. Die Unschuld ist dahin. Und mit ihr die Freude am Tun. Am Geben. Am Anderen. Und vielleicht auch an sich selbst.

Als ich vor einigen Wochen ein soziales StartUp besuchte, fragte ich das Gründungsteam: „Gründet euer Tun in Menschenliebe?“
Ich erntete Kopfschütteln. „Wir nennen es Bezogenheit. Liebe – das ist uns zu groß. Wir wollen es pragmatisch angehen und aufpassen, dass wir uns selbst und den anderen nichts vormachen. Und vor allem auch nicht ausbrennen.“ Da war er wieder, der geliebt-gehasste Pragmatismus unserer Zeit.

Nach einem Gottesdienst kam ich mit einem Franziskaner ins Gespräch. Die Wut der Bürger war das Predigtthema. Das Zerfallen einer Bürgergesellschaft in soziologische Minigruppierungen mit clanähnlichen Strukturen, Identitäts- und Selbstverständigungsmustern. „Das mit der Nächstenliebe. Wie bekommen Sie das hin in Ihrem Alltag?“, fragte ich. „Ich habe noch nie verstanden, warum Gott ausgerechnet Mensch geworden ist.“ Mein Gegen- über lächelte. „Sie sind doch Protestant, oder? Schauen Sie sich mal unsere Madonnenfiguren an. Viele von ihnen zeigen die Mutter Gottes mit einem strahlenden und einem tränenbenetzten Auge. Sie sieht. Sie fühlt mit. Das ist mein Weg zum Gebot der Menschen- und Nächstenliebe. Versuchen Sie es doch auch einmal.“

Das hatte ich schon mal irgendwo gehört. Menschenliebe als Substrat der Mutter-, Gottes-, Selbst- und Lebensliebe. Hohe Kunst. Denn sie beginnt im Kleinen. Einfach aufmachen – das Herz. Und dann fühlen und vertrauen. „Aber wer ist fähig“, entgegnete ich meinem Gesprächspartner, „mit dem, was da kommt und ist, fertig zu werden. Umzugehen? So viel Schmerz und Wut, Aggression, Gier, Gewalt. Ich bin – allein.“

„Das, mein guter Freund, ist Ihre wahre Herausforderung. Sie sind nicht allein. Sie wollen
es gerne sein, vielleicht sogar, um Gott zu zeigen, wie miserabel seine Schöpfung ist. Vielleicht ist das auch Ihr Schmerz und Ihre Wut? Ihre eigene Armut, Krankheit, Fehlbarkeit? Wovor haben Sie wirklich Angst? Was raubt Ihnen wirklich die Kraft?“

Ich wurde wütend. Ich hasse solche Spiegelspiele. Ständig wird man auf sich selbst zurückgeworfen, ohne auch nur eine Antwort zu bekommen. Der Franziskaner lächelte. Ich ging.

Menschen- und Nächstenliebe erfordern keine Selbstaufgabe. Soviel habe ich in meinem Leben schon gelernt. Grenzen sind wichtig – sie schützen mich, den Anderen und die Vielfalt. Und sie machen Verwandlung erst möglich. Respekt ist wichtig. Für sich und den anderen in seiner Einzigartigkeit.

Das alles ist nicht mein wirkliches Problem. Mein Krafträuber ist der Zweifel. An den Menschen. An mir selbst. An Gott. Seiner Existenz. Seiner Wirksamkeit. Und damit auch seiner Liebe. Bloße Geschichten. Das Konzept von Gott – ist mir zu groß. Die Menschen sind mir zu viel. Das Leben ist unüberschaubar. Das alles hilft mir nicht weiter.

Letzte Woche zappte ich nachts durchs Fernsehen. Luc Bessons Kinoklassiker Das fünfte Element lief. Ein reines, außerirdisches Wesen kommt in ferner Zukunft zur Erde, um sie vor der Zerstörung zu bewahren. Leeloo lernt schnell. Sie sieht die Grausamkeiten der Vergangenheit und die Fehlerhaftigkeit der Menschen. Sie verliert sich in Hoffnungslosigkeit und fragt nach dem Grund für die Rettung der Menschen. Als Antwort bekommt sie einen Kuss. Und rettet den Planeten. Liebe – konkret.

Menschen- und Gottesliebe sind zwei Seiten einer Medaille. Es sind Konzepte. Riesig groß. Scheiteraufgaben. Doch sie tragen und sind Entwicklungsziele zugleich. Wichtig ist, dass sie erfahren und gelebt werden. Jeden Tag. Wer nicht küsst, bleibt ungeküsst. Wer nicht berührt, bleibt unberührt. Wer nicht hält, wird nicht gehalten. Wer nicht liebt, spürt Liebe nicht.

Vielleicht sollte ich ein neues Kapitel aufschlagen. //

(hier gibt es die PDF-Version vom Artikel)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.