Demut

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 01/2020

Essay: Demut

Diene und herrsche!

Von der wahren Demut in Zeiten des aggressiven Diskurses

von Albrecht von Croÿ
 

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Es ist ein Wettbewerb. Ein abstruser, absonderlicher, meist auch abstoßender. Wir sind mitten in einem Wettbewerb um eine Tugend mit Renaissance: die Demut. Wer ist der Demütigste im ganzen Land? Wer tarnt seinen Narzissmus, seinen unbewältigten Mitteilungsdrang, ja, in Wahrheit seinen Hochmut am geschicktesten durch Demut? Jeder Politiker nimmt Schlappen an der Urne „demütig“ an (und ist doch weit davon entfernt), jeder Sportler trägt Niederlagen mit „Demut“ (und kocht geradezu vor Revanchelust). Manager nehmen schlechte Zahlen „demütig“ zur Kenntnis (und verschweigen damit, dass sie dafür die erste Verantwortung tragen) und nicht zuletzt die katholische Kirche wagt sich mit „Demut“ an einen Aufbruch in die Zukunft, nennt ihn synodalen Weg und weiß nach der ersten Vollversammlung, dass die Diskussionen von einer Tugend am wenigsten geprägt sind: Demut.

Eine wahre Demutsprotzerei schallt uns da entgegen, jeder will sich klein machen und ist doch übergroß, jeder will sich argumentativ bescheiden und prahlt doch mit mächtigen Worten, jeder möchte sich gemein machen und schielt doch nach singulärer Aufmerksamkeit. Zuviel Demut, so weiß der Volksmund, ist Hochmut, unechte Demut endet meist in echter Anmaßung. Der diesbezüglichen Aphorismen sind viele, und doch greift der Wettbewerb scheinbar unaufhaltsam aus: wer ist der Demütigste im ganzen Land?

Wenn sich diese Gesellschaft zunehmend mit ihrer verlorenen Fähigkeit zur sachlichen Auseinandersetzung, zum wirklichen Diskurs und einer Debatte auf gutem Niveau beschäftigt, dann sind die großen Analysen nicht weit, die hehren Worte und Ermahnungen vom Bundespräsidenten über die Schriftsteller bis hin zu Kirchenfürsten wohlfeil sich einig: es ist das Internet, die sozialen Netzwerke, die jede Scham, die jeden Anstand und alle guten Manieren in Debatten und Diskussionen vertrieben haben. Der Mensch war eigentlich edel, hilfreich und gut und dann kam das Teufelszeug Internet. Eine schöne Mär, aber eben eine Mär!

Demut kommt im Wortsinn vom althochdeutschen „diomuoti“ und meint so viel wie die „Gesinnung eines Dienenden“. Wer ist heute gern noch ein „Dienender“? Wer leistet heute noch gern „Dienst“ an der Gesellschaft, wer dient einer (guten) Sache, wer dient also im besten Sinne einer Diskussion, wer dient einem ausgewogenen Diskurs? Das böse Internet ist bestenfalls ein digitaler Turbo, ein technisierter Brandbeschleuniger für eine veränderte Gesinnung. Das Ansehen des „Dienenden“ war schon lange vorher verkommen, wer „dient“, hat es nicht besser „verdient“, der Dienende muss sich bis heute als Knecht, als Untertan, als Unterwürfiger bezeichnen lassen. Wer aber will das, wer will Knecht sein, wenn er doch Herrscher sein könnte. Das neue „Dienen“ heißt „Herrschen“. Ich beherrsche den großen Auftritt, ich beherrsche die große Rede, ich beherrsche die sozialen Medien, ich beherrsche also den Diskurs. Wer herrscht, hat Recht, Widerrede, gar der sachliche, aber streitige Austausch von Ansichten wollen da nur stören und verdunkeln unziemlich die Sonne der Rechthaber. Diese aber müssen ihre Herrschsucht, ihren Machtanspruch camouflieren, weil diese demokratische Gesellschaft großen „Herrschern“ misstraut, ihre „Herrschenden“ also lieber klein und gemein sehen will. Und so erfanden die Herrschenden einen Wettbewerb, die Demuts-Protzerei. Denn der Hochmut liebt Demut – vor allem bei den anderen.

Lassen wir ab von solchen Wettbewerben, widmen wir uns wieder der wahren Demut, die sich gern versteckt, die ohne große Gesten, vor allem aber ohne viel Gerede auskommt. „Verkünde das Evangelium. Wenn nötig, mit Worten“, sagt der heilige Franz von Assisi, dessen Biografie ein beredtes Zeugnis der Wandlung von Hochmut zu wahrer Demut ist. Er sieht die Tat als Verkündigung, im eigentlichen Tun liegt wahres Zeugnis, die tätige Nähe zu Behinderung, zu Armut, zu Verwahrlosung, zu Heimatlosigkeit, zu Einsamkeit soll mehr aussagen über unser Christsein als die vielen Worte, die wir gern dazu machen. Wenn also die katholische Kirche in Deutschland sich auf einen neuen (synodalen) Weg begibt, dann möge sie das in wahrer Demut tun: lieber dienen als herrschen, lieber Tat als Macht, lieber verkünden als verlautbaren.

„Ich habe drei Schätze, die ich hüte und hege: Der eine ist die Liebe, der zweite ist die Genügsamkeit, der dritte ist die Demut. Nur der Liebende ist mutig, nur der Genügsame ist großzügig, nur der Demütige ist fähig zu herrschen“, sagt der chinesischer Philosoph Laozi.

Wer im besten Sinne herrschen will, kommt an der wahren Demut nicht vorbei, andernfalls demaskiert er sich als Protzer seiner selbst. Er muss dienen, er muss sich zurücknehmen, er muss tolerant sein. „Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte recht haben. Intoleranz ist die Angst, der andere könnte recht haben“ behauptet ein anonymes Graffiti aus dem Jahr 1990. Nie war diese These so wahr wie heute.

Servire et impera, diene und herrsche: wahre Demut ist der Verdacht, ich könnte recht haben und verzichte dennoch auf das Rechthaben. //

 

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