Editorial 2/2021

Nein zum Gendern

Liebe Leserinnen und Leser,

so spreche ich Sie schon seit Jahren an, ohne dass ein um die „gendergerechte“ Sprache tobender Kulturkampf mich darauf hätte aufmerksam machen müssen. Eigentlich lohnt es sich nicht mehr, über den richtigen Sprachgebrauch zu streiten, das Gendern hat sich fast überall durchgesetzt: Im Politikerdeutsch, in Behörden, Universitäten, im öffentlichrechtlichen Fernsehen und Rundfunk. Aber macht es die Sache besser?

Ich lehne das Gendern ab, auch als Blattmacherin. Es fühlt sich nicht gut an, und das ist schon mal keine unwichtige Erkenntnis. Damit keine Mißverständnisse entstehen: Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein höchst erstrebenswertes und noch immer nicht ganz erreichtes Ziel: Aber mich als Journalistin erschüttert es, wie eine Ideologie Menschen umerziehen will, wie Sprachsheriffs (und Sheriffinnen?) mit gezücktem Colt das Gendern erzwingen wollen.

In einem Literaturclub auf „Dreisat“ begrüßte die Moderatorin Nicola Steiner die Schauspielerin Ursina Lardi als „Gästin“. Bei dieser absurden Begrüßungsformel wäre ich an Stelle von Frau Lardi im Erdboden verschwunden. Der Begriff „Gast“ umfasst als generisches Maskulinum ganz selbstverständlich beide Geschlechter, warum muss man ihn verhunzen und die Frau vorführen?

Durch die sprachliche Sichtbarmachung wird das Geschlecht betont und herausgehoben, auch in Kontexten, in denen es gar keine Rolle spielt. Wer inklusiv spricht oder schreibt, muss sich dauernd Gedanken darüber machen, ob die Person, um die es geht, nun männlich oder weiblich oder divers ist und andere Menschen ebenfalls darauf stoßen. Es geht nur noch um das Geschlecht, weniger um die Sache. Die Feministin, Autorin und Gendergegnerin Nele Pollatschek fühlt sich durchs Gendern auf ihr Geschlecht reduziert und rückt es somit in den Bereich des Sexismus. Sie verweist auf Großbritannien, wo es heißt: Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich behandeln, das heißt: gleich benennen. Klingt logisch! Die seit Jahren in der Pharma-Werbung heruntergeratterte Formel: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ soll jetzt um das, ja Sie wissen schon um was, erweitert werden. Wer heute gedankenlos mit dem Satz: „Ich habe einen Arzttermin“ um sich wirft, muss mit einer scharfen Rüge rechnen. Wo soll das alles noch hinführen?

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat in einer Pressemeldung darauf verwiesen, dass Gendersternchen, Gender-Gap und Gender-Doppelpunkt mit den Regeln der deutschen Rechtschreibung nicht konform gehen. Aber das ficht die Sprachpolizisten nicht an: Die künftige Normsprache wird eine sexualisierte sein, davon ist jetzt schon auszugehen: Das Argument der Genderbefürworter, Sprache präge Denken und Denken verändere die Wirklichkeit, also führe Gendern zu einer frauenfreundlicheren Welt, ist nicht haltbar. Um die Situation für Frauen zu verbessern, müssen härtere politische Maßnahmen her.

Sprache kann nicht leisten, was Gendereiferer ihr abverlangen. Sprache ist Sprache, eine alltägliche Verständigungs- aber auch Kunstform. Die Bibel, das Buch der Bücher, wurde bereits vor zwanzig Jahren in eine „gerechte Sprache“ übersetzt. Bleibt abzuwarten, wie lange das ausreicht. In der ernstzunehmenden zeitgenössischen Schriftstellerei findet sich so gut wie niemand, der die Genderei mitmacht. Aber selbstverständlich macht die Ideologie auch vor Kunst und Literatur nicht halt, und dagegen sollte die Gesellschaft sich mit aller Kraft auflehnen.

Genießen Sie die Lektüre und den aufziehenden Frühling.

Ihre Brigitte Haertel

 

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