Hinwendung zum Wesentlichen

Eine Gesellschaftsbetrachtung aus aktuellem Anlass

VON ALBRECHT VON CROŸ

Sehnsucht nach Realismus? Nach harten Fakten und ungeschönter Wirklichkeit? Sehnsucht nach Unversöhnlichkeit und der brutalen Erkenntnis, dass nicht alle Menschen Brüder sein können, weil es einige wenige nicht erlauben? Machen wir uns nichts vor: niemand bekennt sich freiwillig zu solchen Anfällen, niemand outet sich ohne Not als besonderer Anhänger von harter Realität! Unsere Sehnsüchte gelten anderen, schöneren, positiveren Dingen. Wir wollen geliebt werden und lieben, wir wollen ein andauerndes Wohlgefühl und seine weichen Themen, wir wollen in einer friedlichen Welt leben und Frieden schenken, wir wollen die eine große heile Welt, wie wir die eine große heile Kirche wollen.

theo 02/2022: Aufsatz: Hinwendung zum Wesentlichen. Eine Gesellschaftsbetrachtung aus aktuellem Anlass. VON ALBRECHT VON CROŸ

theo 02/2022: Aufsatz: Hinwendung zum Wesentlichen. Eine Gesellschaftsbetrachtung aus aktuellem Anlass. VON ALBRECHT VON CROŸ

„Stunde null“, „Zeitenwende“, „Epochenwechsel“: Krieg vor der Haustür verändert alles. Archaische Waffengänge mit Bildern, die wir gedanklich ins Mittelalter verbannt hatten, Rhetoriken aus dem Arsenal der großen Völkerschlachten, Blut- und Eisen-Themen zur besten Sendezeit, paralysierte Politiker und havarierte Historiker, deren eine große heile Welt am 24. Februar 2022 in tausend Scherben zerplatzte. Das eherne „nie wieder“ ganzer politischer Entscheidergenerationen schmolz mit dem ersten Kanonenschlag des Neo-Imperialisten Putin und den Bildern des erbarmungslosen Hinschlachtens aus Butscha und anderen Orten des Grauens dahin. Den literarisch epochalen Aufschlag vom „Ende der Geschichte“, mit dem uns der Historiker Francis Fukuyama im „Wendejahr“ 1989 die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden näherbringen wollte, zerstob im Trommelfeuer von Mariupol und dem Flüchtlingselend einer erzwungenen Völkerwanderung.

Unerfüllte Sehnsucht kann hartleibig sein, will sie ihre Niederlage nicht hinnehmen, sie sträubt sich gegen das gefräßige Untier mit Namen Realität. Sie beginnt Abwehrkämpfe, „Frieden ist immer noch möglich, wenn nur die Ukrainer sich schnell ergeben“, sagten selbsternannte Sehnsuchtsapologeten, im Tarnhemd des Philosophen daherkommend. Wer jetzt Waffen schickt, hilft nicht den Menschen, sondern verlängert das Elend, suchten die Verantwortlichen einer gescheiterten (Friedens)Sehnsuchtspolitik der letzten Jahrzehnte ihr Fell zu retten. „Frieden schaffen ohne Waffen“, „Schwerter zu Pflugscharen“: die komplette Kirchentagsrhetorik der vergangenen dreißig Jahre lag bereits zerschmettert am Boden, da zogen einige Bischöfe noch die Fahne der unerfüllten Sehnsucht des friedenbringenden Dialogs mit der russisch-orthodoxen Kirche auf.

In dieser „Stunde null“ sollte sich nur eine Sehnsucht erfüllen: die nach dem Blick für das Wesentliche. Möge die Sehnsucht nach mehr Realität, harten Fakten und ungeschönter Realität wahr werden. Möge sich die eine Erkenntnis durchsetzen: bis zum 24. Februar 2022 haben sich Politik und Gesellschaft zu viel und zu gern mit den falschen, mit den weichen Themen beschäftigt. Aus andauernder Sehnsucht geboren, aus wachsendem Wohlstand genährt haben wir uns mit Pseudowichtigem abgelenkt. Machen wir es mal prägnant: nicht das Gendern bewahrt den Weltfrieden, ebenso wenig wie das stete Bejammern irgendeiner weiteren, manchmal eingebildeten Diskriminierung. Nicht ganze Bevölkerungsgruppen wie „alte weiße Männer“ sind an sich eine Bedrohung, sondern nur die, die für ihren Wahn von der imperialen Weltherrschaft blutige Kriege vom Zaun brechen. Die Bewahrung von Frieden hängt nicht in erster Linie von Geschlechtergerechtigkeit oder einer „feministischen Außenpolitik“ ab, sondern von der nüchternen Erkenntnis der harten Fakten und den richtigen Schlüssen daraus. Das aber ist, Gott sei es gedankt, geschlechterunabhängig.

Diese Gesellschaft (und mit ihr die Kirchen) müssen jetzt thematisch „erwachsen“ werden, sich dem wirklich Wichtigem stellen. Zu lange glichen sie der untergegangenen Titanic, wo angesichts eines schon sichtbaren weltpolitischen Eisbergs oben an Deck die Musik noch unverdrossen erklang, wo sich wohlhabende Gäste ihren verschiedenen Sehnsüchten und spielerischem Zeitvertreib hingaben, während unten im Maschinenraum das Wasser schon gesiegt hatte. Die einzige Sehnsucht, die uns bleibt: alle Menschen können dann Brüder sein, wenn wir hart daran arbeiten, mit Fakten, Erkenntnissen und der Akzeptanz manchmal ungeschönter Wirklichkeit.

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