Heiligen-Raten
Wenn ein Sturm losbricht, so der Volksmund, stecken die einen den Kopf in den Sand, und die Anderen fliegen mit durch die Lüfte. Als meine Seele Gottes schöne Erde in Dijon betrat, tobte die Gegenreformation durch das alte Europa und erreichte mit der Bartholomäusnacht einen blutigen Höhepunkt. Geburtswehen einer neuen Zeit werden das spätere Historiker nennen. Ich erfuhr die Gnade, als Tochter des burgundischen Parlamentspräsidenten Bénigne Frémyot eine unbeschwerte Jugend auf Schlössern verbringen zu dürfen.
Doch der bittere Kelch des Lebens ging auch an mir nicht vorüber und verwandelte meine jugendliche Leichtigkeit in dunkelroten Seelenschmerz. Eine Wandlung, deren tieferen Sinn ich erst später zu schätzen verstand. Denn was nützt aller Reichtum, wenn die liebsten Menschen einen früh verlassen? Meine Mutter, Marguerite de Berbisey, starb bei der Geburt meines Bruders André, zwei meiner sechs Kinder starben direkt nach der Geburt und mein Mann, Baron Christoph von Rabutin-Chantal, ließ mich nach einem tödlichen Jagdunfall als völlig überforderte Witwe zurück. »Luxussorgen? « mögen Sie vielleicht denken. Vor allem im Vergleich zu den zahlreichen Glaubensflüchtlingen, die durch die Städte und Dörfer Europa irrten auf der Suche nach einer neuen Heimat. Doch glauben Sie mir: Nach dem Tod meines Mannes war ich mit der Verantwortung für die Familie und das Schloss auf mich allein gestellt. Weder mein Schwiegervater noch mein Beichtvater kamen mir zu Hilfe.
Ich suchte Antworten im Gebet. Und traf während einer Fastenpredigt 1604 in der Saint-Chapelle von Dijon auf Franz von Sales, Fürstbischof von Genf. Er hörte mir zu und nahm meine Sorgen ernst. Was für eine Befreiung: erkannt zu werden mit allen lichten aber auch Schattenseiten. In den folgenden Jahren sollte sich daraus eine einzigartige Freundschaft entwickeln, die mir Flügel verlieh. In über 350 Briefen legten wir in aller Offenheit gegenseitig die Irrungen und Wirrungen unseres geistigen Weges dar. Im Gegensatz zu meinem früheren Beichtvater hatte ich nicht einen auf Schuld versessenen Richter als Reisebegleiter, sondern einen Seefahrer der Liebe: »Dies soll die Grundregel unseres Gehorsams sein: Alles aus Liebe tun und nichts aus Zwang! Mehr den Gehorsam lieben, als den Ungehorsam fürchten.«
Kann man sich ein schöneres Leitmotiv auf dem Weg zu Christus vorstellen? Ich fand viel Erfüllung im geistigen Leben: Mit Franz’ Hilfe erkannte ich, dass der Dienst am Nächsten nicht immer das Gewand einer Nonne tragen muss. Als jedoch meine jüngste Tochter Charlotte nach einer schweren Krankheit starb, meine Älteste, Marie Aimeé, Franz’ Bruder Bernhard von Sales geheiratet hatte und mein Sohn Celsus-Benignua in den Dienst des französischen Königshofes trat, waren meine Aufgaben als Familienoberhaupt getan und der Weg frei für meinen wirklichen Herzenswunsch: die Gründung einer Ordensgemeinschaft für Frauen, die einerseits Gott im Gebet dienen, andererseits hinaus auf die Straßen gehen, um Kranke und Arme zu unterstützen.
Am 6. Juni 1610 gründeten Franz und ich in Annecy den Orden der Schwestern »Von der Heimsuchung Mariens« (»l’Ordre de la Visitation Beatae Mariae Virginis« = ovm), im deutschen Sprachraum auch Salesianerinnen oder Visitantinnen genannt. Unsere kleine Kongregation war am Anfang vor allem mit der Armen- und Krankenpflege beschäftigt.
Um jedoch die volle Anerkennung als katholischen Orden durch Papst Paul V. zu erhalten, führten wir äußere Übungen und einen geregelten Tagesablauf ein. Als meine älteste Tochter Marie-Aimeé, wie meine Mutter, bei der Geburt ihres Kindes starb und wenige Jahre später auch Franz von Sales zum himmlischen Vater heimkehrte, fiel es mir aller mystischen Erfahrungen zum Trotz sehr schwer, zu meiner Leichtigkeit zurückzufinden. Ich tat, was ich am besten konnte: Verantwortung übernehmen. So gründeten wir 87 Klöster der Heimsuchung, machten den Nachlass von Franz von Sales der Öffentlichkeit zugänglich.
Als auch ich 1641 meine letzte Reise antrat, betteten mich meine Mitschwestern neben den immer noch unverwesten Leichnam von Franz. Zusammen erinnern wir so noch heute die Pilger in der Basilika von Annecy an das wahre Geheimnis.
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