Was bleibt, wenn der geliebte Mensch stirbt? Mit 39 Jahren verlor Silke Schilz ihren Ehemann und den Vater ihrer Kinder. Brigitte Haertel traf die Witwe zum Gespräch.

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3/2025

An die erste Zeit nach seinem Tod hat sie wenig Erinnerung. Wie ein Automat habe sie funktioniert – schon monatelang zuvor. Im Juli erst war ihr Vater gestorben, an der gleichen Krankheit, die Wochen später ihren Mann dahinraffen sollte: Lungenkrebs. Der König der Krankheiten, Krebs, hatte ihr schon Jahre zuvor die Mutter geraubt.
Da saß Silke Schilz, ziemlich allein in ihrem niederrheinischen Dorf und der dunklen Nacht ihrer Seele: zwei kleine Töchter waren ihr geblieben – seine Töchter!
Zwölf Jahre ist das her. Heute empfängt sie die Besucherin lächelnd in ihrem Haus und serviert auf der Terrasse Kaffee und Kekse. Der angrenzende Garten verströmt blühendes Leben. Und auch Silke Schilz wirkt launig und aufgeräumt, wenig deutet daraufhin, dass in ihr noch immer die Trauer wütet.
Nach der verstörenden Diagnose, die ihren Mann und sie ein Jahr vor seinem Tod heimgesucht und eine existenzielle Schockstarre ausgelöst hatte (was sonst?), stolperte sie bald vom Verzweiflungs- in den Hoffnungsmodus. An diese Hoffnung klammerte sich Silke Schilz bis zum Schluß – wie an ein Treibholz im Meer. Wir schaffen das!
Es ging um Lebenszeit, um seine Zeit. Eine aggressive Chemotherapie streckte ihn bald nieder, sein Leiden zu Hause „auf der Couch“ machte alles schlimmer: „Ich würde das nie wieder tun. Mein Mann hatte starke Nebenwirkungen. Er wurde künstlich ernährt, sein ganzer Körper war schon metastasiert.“
Silke Schilz war voll berufstätig, und da waren die Kinder und zwei todkranke Männer. Alles ist wie ein Film an ihr vorübergezogen. Heute weiß sie nicht mehr, wie sie das alles geschafft hat. Als ihr Vater beerdigt wurde, konnte ihr Mann nicht mehr mitkommen. Er war schon zu schwach. „In diesem Augenblick wusste ich, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.“
Auf einmal war es Gewissheit, Zeit, sich dem Schicksal hinzugeben.

Der Sterbende ermunterte seine Frau, sich bald einen neuen Partner zu suchen. Er wollte nicht, dass seine Kinder ohne Vater aufwachsen. Einen neuen Partner: so etwas hat sie sich damals überhaupt nicht vorstellen können, viel später begriff sie, dass ihr Mann ihr damit auch eine Art Absolution erteilt hatte.
Hier auf der Terrasse perlt jetzt die ganze Geschichte von ihren Lippen: sie erzählt von den Anfängen, wie sie einst ihren Mann begegnete, ihm, dem Weitgereisten, der sich für die Länder des Orients begeistern konnte. Der Schlagzeuger in einer Band war. Und der wie sie in dem niederrheinischen Dorf aufgewachsen war, aber schon in einem Kibbuz gelebt und mehrere Jahre in Israel verbracht hatte. Ein Suchender, ein Romantiker. Und wie sie Jahre später ihre gemeinsame Liebe zu diesem Land entdeckt haben, das erzählt Silke Schilz auch.
„Mein Mann ist immer seinem Herzen gefolgt.“
Er sei gläubig gewesen, wollte von einem ihm verbundenen Pfarrer bestattet werden.
„Der Glaube hilft, die Krisen des Lebens zu überstehen“, sagt Silke Schilz nachdenklich. Es klingt ein wenig nach einer Frage. Mit Kirche sei sie immer schon verbunden gewesen, wenn auch als ewig Zweifelnde. Aber sie glaube fest an ein Weiterleben und habe nicht die geringste Angst vor dem Tod: „Da ist eine höhere Macht, die uns trägt. Wir müssen nur darauf achten.“
In Gedanken geht sie zurück zu den Anfängen: Eine ganz normale Liebesgeschichte war damals herangeblüht, oder eben eine ganz besondere, eine einzigartige Geschichte, je nachdem, wie man es sehen will. Nur, dass für Silke und Jörg kein Happy End vorgesehen war.
Silke Schilz ist eine Frau von großer Eindeutigkeit. Sie sieht die Welt mit klarem Blick.
In dem Verlagshaus, indem sie als Kommunikationschangerin Menschen mit sanfter Hand und viel Gefühl zur Seite steht, entwickelt sie gerade ein Projekt, in dem es um trauernde Mitarbeiter geht. Wie soll adäquat mit ihnen umgegangenen werden? Das Thema muss sichtbarer werden, das ist ein Anliegen der Germanistin und Medienwissenschaftlerin Silke Schilz, und deswegen bekleidet sie im Unternehmen eine eigene Sprechstunde als Trauerbegleiterin.
„Tiefe Trauer ist der stärkste Stress, den ein Mensch überhaupt erfahren kann“, sagt der britische Schriftsteller und Psychoanalytiker Collin Murray Parkes. Diesen Stress sollte Silke Schilz erst ein paar Jahre nach dem Tod ihres Mannes in vollem Ausmaß erfahren.
Vor all dem lag der endgültige Abschied: 10 Tage vor seinem Tod sagte ihr Mann zu ihr: „Ich kann nicht mehr, du musst mich loslassen. Ich hatte ein wunderbares Leben, habe die Liebe gefunden und gehe als glücklicher Mann. Nur, dass ich meine Kinder nicht aufwachsen sehe, das schmerzt.“
Und sie ließ los! Was sollte sie auch sonst tun.

Silke Schilz sieht versonnen in den Tag hinein, schüttelt beinahe ungläubig den Kopf, so, als könne sie das alles immer noch nicht begreifen. Ihre Augen sind jetzt vom Dunkel umschattet. Vor der Terrasse, im leuchtenden Garten, tanzen Wespen und summen Bienen munter um die Gewächse herum.
Nachdem ihr Mann gegangen war, war es sein Vater, der trotz des Kummers um den verlorenen Sohn sich um Silke und die Mädchen kümmerte. Inzwischen ist auch er gestorben. Geblieben sind die Freunde im Ort. An sie alle hatte ihr Mann vor seinem Tod noch Aufgaben verteilt: Du kümmerst Dich um den Garten, Du um die Fahrräder…..
„Und alle haben sich bis heute daran gehalten.“

Je näher der erste Todestag ihres Mannes heranrückte, um so mehr Wut wuchs in ihr heran. Die Psychoanalytikerin Verena Kast nennt dies die Phase der aufbrechenden, chaotischen Gefühle. Vor allem auf ihn hatte Silke Schilz Wut, auf ihren Mann, dass er sie allein zurückgelassen hatte. „Aber auch auf das Leben, auf alles.“ Wütend knallte sie ihm die hässlichste Grablampe aufs Grab und rief aus: So, jetzt suche ich mir einen anderen.
Über eine Partnerplattform lernte Silke Schilz bald einen Mann kennen, alles schien zu passen. Das habe ihr geholfen, weil sie so wieder einen Rahmen für ihr Leben zu spüren schien. Es habe eine Funktion erfüllt.
„Trotzdem war es Blödsinn, was ich damals gemacht habe.“
Mit ihren beiden Töchtern, damals drei und sechs Jahre alt, zog sie nach Wuppertal und mit dem neuen Mann zusammen. Sie beschreibt ihn als verständnisvoll und lebenstauglich, doch ihre Kinder verkümmerten in der neuen Umgebung. Und ihr Job verlangte Silke Schilz zudem vieles ab. Irgendwann brach sie zusammen.
Sie habe damals nicht in den Trauermodus gefunden, und das sieht sie heute als Problem an. „Durch dieses Nicht-trauern-können hat sich in mir so viel schlimme Energie angesammelt, sodass alles in einem Burn-out enden musste. Ich konnte nicht mehr aufhören zu funktionieren, wollte die starke Mama sein. Machen, machen, machen, und das hat mich krank gemacht.“
Nach zweieinhalb Jahren ging das Wuppertal-Experiment zu Ende, und sie zog mit den Töchtern zurück in ihr Dorf. „Und dann fing ich an zu trauern, Jahre später. Und das mache ich bis heute.“
Ihr Gesicht wird zu einem Ausrufezeichen.
Sie ließ sich zur Trauerbegleiterin ausbilden, war getrieben von der Idee, anderen Menschen in so einer Situation beistehen zu können. Bis heute hält sie daran fest.
Wie kommt sie allein zurecht, schon so viele Jahre? Sie blickt wieder nachdenklich: am letzten Weihnachten habe sie sich wieder besonders einsam gefühlt, obwohl so viele Leute um sie herum auf der Party feierten. Alles war wieder da: Der schreckliche Verlust, das Gefühl des Verlassen-Seins, die Einsamkeit.
Ihre älteste Tochter leide noch immer unter dem Tod des Vaters, es sei ihr Trauma.
„Es gibt unendlich viele Situationen, wo Väter sichtbar sind, bloß bei meinen Kindern ist da niemand. Da ist eine große Lücke.“
Nein, einen neuen Partner in ihrem Leben kann Silke Schilz sich heute nicht mehr vorstellen.
Dennoch geht sie zuversichtlich ihren Weg. Wo nach dem Tod ihres geliebten Mannes die grauenhafte innere Leere triumphierte, ist heute eine gewisse Fülle spürbar. Dafür hat sie selbst gesorgt – mit ihrer Empathie und Lebensbejahung.
Der Tod hat überhaupt keine Chance gegen die Liebe, schreibt die Publizistin Birgit Fuß in ihrem Buch Sterben darfst du aber nicht, indem sie die Trauer um ihren Mann reflektiert.
Diese Erkenntnis wurde auch Silke Schilz zuteil. Jedenfalls ist es ihr zu wünschen. //