von Maria Caspari
Nach dem Wahlsieg ihres Mannes ließ Jackie, die von der Welt bestaunte Lady des guten Geschmacks, den heruntergekommenen Präsidenten-Amtssitz in Washington aufwendig renovieren. Sie arrangierte Künstlerabende und prachtvolle Staatsbankette. Nicht der Präsident, sie, die ihren Namen gern französisch aussprach, aber von der ganzen Welt Jackie genannt wurde, sie war die Seele des Weißen Hauses, das sie „Maison blanche“ nannte oder auch „Camelot“ und das nur dem Schein nach eine Traumfamilie beherbergte.
Es sind dennoch glorreiche, heitere 1936 Tage im Glanz der Öffentlichkeit bis zu diesem unauslöschlichen Bild im November 1963: Die 34-jährige Gattin kniet in der offenen Limousine auf der Fahrt durch Dallas, das rosa Kostüm blutverschmiert. Neben ihr ist gerade der Präsident der Vereinigten Staaten von einem Attentäter erschossen worden.
Für immer hat dieses Bild sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben.
Nur wenige Tage später, am Sarg ihres Ehemannes auf dem Arlington National Cemetery, zeigt die junge Witwe sich noch einmal als ein Muster an Eleganz und Würde: das Gesicht verborgen hinter dem schwarzen Schleier, in untadeliger, kerzengerader Haltung und an den Händen ihre beiden Kinder Caroline und John jr. liefert sie ein Bild für die Ewigkeit und steigt zur Statue der Geschichte auf.
Für große Gesten und Symbole hatte Jackie Kennedy einen Sinn und wusste um die Macht der Bilder, die um die Welt gehen würden. Minutiös soll sie noch in der Nacht nach seinem Tod die Trauerfeierlichkeiten für ihren Mann geplant haben, schreibt ihr Biograf David Lester.
John F. Kennedy sollte beigesetzt werden wie einst der Märtyrer Abraham Lincoln: Pferde sollten seinen Sarg ziehen, Trommler sollten ihn begleiten. Und ihrem kleinen Sohn John jr. brachte sie bei, wie er korrekt vor dem Sarg des Vaters zu salutieren hat, so, wie es die Marines tun.
Auch, wenn der Heiligenschein ihres früh verblichenen Kennedy-Gatten mehr und mehr der Aufpolierung bedurfte, strahlte er noch immer hell genug, um sie zu diskreditieren, als sie fünf Jahre später den Witwenschleier endgültig ablegte und zum zweiten Mal heiratete. Weil ihre Wahl auf den schwerreichen Reeder Aristoteles Onassis gefallen war, büßte die „Witwe der Nation“ bei ihren Landleuten diesen Status ein. Zu kritisch standen sie dem mit dem Makel des halbseidenen Emporkömmlings behafteten und deutlich älteren Griechen gegenüber.
Mit ihren Kindern verließ Jackie Kennedy die USA und verlor damit mehr als den Schutzanspruch durch den Geheimdienst. Um die Insel Skorpios herum schipperte sie mit Aristoteles Onassis unter großer Anteilnahme der Weltpresse in den Ehehafen.
Ob dort das Glück auf das Paar wartete, darüber rätseln Biografen und ehemalige Weggefährten bis heute. Jedenfalls währte die Ehe nur kurz: nach vier Jahren, so notierten eifrig die Boulevardmedien, sollen sie bereits getrennte Wege gegangen sein. Zu anspruchsvoll, zu verschwenderisch und damit kostspielig sei die berühmte Witwe gewesen, zu unengagiert ihr Verhältnis zur Onassis-Familie. Wenige Jahre nach der Hochzeit hatte Aristoteles Onassis seinen einzigen Sohn nach einem Flugzeugunglück begraben müssen – in seinem bodenlosen Schmerz war seine Gattin ihm keine Hilfe, wie er später einmal in einem Interview beteuerte. Kurz bevor er 1975 die Scheidung einreichen wollte, ereilte ihn selbst der Tod. Allein, denn seine Angetraute weilte längst wieder bei ihren Kindern in New York.
Beim Trauermarsch anläßlich seiner Beisetzung auf Skorpios war sie zugegen und doch kaum als Witwe auszumachen. Das schöne geheimnisvolle Prinzip der Verhüllung außen vorlassend, in einem lässigen Ledermantel, legte sie pflichtschuldig den Weg vom Flugzeug zum Friedhof am Arm ihrer ungeliebten Stieftochter Christina Onassis zurück. Letztere lief zuvorderst hinter dem Sarg her, von Trauer und Tränen gezeichnet. Die Amerikanerin war mit ihren beiden Kindern in der zweiten Reihe gelandet. Nur eine Sonnenbrille schützte sie vor den neugierigen Blicken der Welt.
Jackie O, wie sie fortan genannt wurde, kehrte zurück in die USA, wo sie ihrer wahren Bestimmung folgte: Sie liebte Bücher und heuerte in einem Verlag als Lektorin an. In dem Diamantenhändler Maurice Tempelsman fand sie eine späte Liebe. Er sollte sie lange überleben, bis heute! //