Der christliche Glaube hat nicht nur die Sonnenkinder, sondern explizit auch die Randgruppen einer Gesellschaft im Blick; dazu gehören auch Witwen und Waisen. theo-Autor Sven Schlebes folgt Witwen im Alten und im Neuen Testament und stellt fest: Sie stehen als Beispiele für den Fürsorgeanspruch der Religion und erzählen eine Menge über das schützende Einheitsversprechen in der Vielfalt der Schöpfung.

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3/2025

Das Ende ist nicht das Ende. Sondern im christlichen Sinne auch der Beginn von etwas Neuem. Alpha und Omega küssen sich und gehen auf in Ewigkeit. So das Versprechen. Dass Übergänge nicht immer leicht sind, vor allem nicht so essenzielle wie der biologische Tod, wissen wir. Sowohl für den, der geht. Vor allem aber auch für diejenigen, die zurückbleiben. Nicht ohne Grund betont die Bibel an vielen Stellen, dass Gottvater auf der Seite der Schwachen steht, der „Witwen und Waisen“.
Die Gesellschaft des antiken Israels war stark geprägt von der zentralen Stellung des (Ehe-)Mannes. Sie definierten den rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Status der Kinder und ihrer Ehefrauen und entzogen ihnen mit dem Tod oft wesentliche gesellschaftliche Existenzgrundlagen wie den rechtlichen Schutz, Unterhalt und Erbe (gerade bei Ländereien). Starb der Ehemann, lag es an der Familie (und im größeren Sinne der sie umgebenden Gemeinschaft), die Hinterbliebenen aufzufangen, zu sichern und in das gemeinschaftliche Leben zu integrieren. Ein Vabanque-Akt, der immer wieder von den Propheten angemahnt und kritisiert wurde (Beispiel Jesaja 1,17: „Sorgt für das Recht der Witwen!“).
Häufig lebten die hinterbliebenen Frauen wie die Witwe von Zarpat (1. Könige 17,8-16) in großer Armut, vertrauten aber durch ihre besondere Nähe zum „Herrn“ den Anderen einer Gesellschaft und gaben anderen Hungernden wie dem Propheten Elia von dem Wenigen, was sie hatten, ab. Der Lohn für die Hingabe in der biblischen Geschichte: Öl und Mehl werden nicht weniger, sondern ernähren beide. Witwe und Prophet: Die Speisung am See Genezareth aus dem Neuen Testament und das totale finanzielle Opfer einer armen Witwe im Tempel (Markus 12,41-44) lassen grüßen: Sie geben, was sie haben, im vollkommenen Vertrauen.
In einem anderen Beispiel bewahrt der Prophet Elischa durch seine Ölvermehrung eine verschuldete Witwe vor dem Zwangsverkauf ihrer Söhne als sogenannte „Schuldsklaven“ (2. Könige 4, 1-7), eröffnet ihr so ein neues Leben und verweist so auf den Anspruch des christlichen Gottes als Anwalt der Witwen und skizziert ihren Status als Prüfstein für jüdische Gerechtigkeit – und später dann eben für christliche Nächstenliebe: Der, der sich um die Schwächsten in einer Gesellschaft kümmert, erfüllt das Versprechen des Glaubens und handelt im Sinne Gottes.
Besonders interessant in diesem Zusammenhang: Glaubt man der Apostelgeschichte (6,1-6), war die soziale Benachteiligung von Witwen bei der täglichen Versorgung einer der Gründe für die Einsetzung von frühen Diakonen und Ausdruck des Bemühens um soziale Gerechtigkeit der frühen Kirche: Der Umgang mit Witwen wurde so zum Ausweis der Gerechtigkeit.
Die drei wohl berühmtesten Witwen der Bibel, Ruth und Noomi sowie Judith, verkörpern das tiefe Vertrauen in den Glauben, das Loslassen sämtlicher Zweifel und Ängste sowie die Annahme des Jetzt und der sich daraus ergebenden Aufgaben für sich selbst und die Gemeinschaft.
Als die von Israel ins heidnische Nachbarland Moab ausgewanderte Noomi (manchmal auch Naomi) sowohl ihren Ehemann Elimelech als auch ihre beiden Söhne Machlon und Kiljon verlor, stand sie buchstäblich vor dem Nichts und sah sich gezwungen, in die alte Heimat zurückzukehren: Mittel- und erfolglos. Doch zum Glück nicht einsam. Ihre Schwiegertochter Ruth, durch den Tod von Machlon, Noomis Sohn, ebenfalls Witwe, ergreift im „biographischen Niemandsland“ die ausgestreckten Hände ihrer jüdischen Schwiegermutter und lässt sich bedingungslos auf eine neue Zukunft ein: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen […] Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ (Ruth 1,16). Eine Entscheidung mit Folgen: In Bethlehem wird Ruth bei der Feldarbeit den reichen Verwandten Boas treffen, der sie heiraten und durch die Geburt ihres gemeinsam Sohnes Obed, den späteren Großvater des berühmten König Davids, zu einer der „Vorfahrinnen“ von uns Christinnen und Christen machen wird. Eine mittellose „Ausländerin“ wird durch ihre Ergebenheit, ihre Hoffnung und das Vertrauen zu einer der Quellen der christlich-jüdischen Gemeinschaft. Was für ein Zeichen.
Diesem Mut und Vertrauen steht die Witwe Judith aus dem Judithbuch in nichts nach. Im Gegensatz zu den bereits oben beschriebenen Witwen litt Judith nicht an der finanziellen Ohnmacht. Als der assyrische General Holofernes jedoch ihre Wohnstatt Betulia erobern wollte, um damit Israel als Gemeinschaft zu besiegen, fasste sie sich ein Herz, schlich sich in das feindliche Heerlager, bezirzte den General und sorgte durch seine Enthauptung für eine panikartige Flucht der Belagerer: „Vertraut auf den Herrn, unseren Gott, und er wird uns retten.“ (Judith, 8,17) Was für ein Bespiel von Mut, List und Stärke.
Treten wir heute als Zuhörende der Geschichten einen Schritt zurück, erkennen wir gerade am Beispiel der Witwen nicht nur ein durch die Zeiten hindurchschimmerndes Geschlechterthema in der Gesellschaft, sondern zugleich am Beispiel der sozialen Verletzlichkeit und Schwäche die Möglichkeit sowohl für die Schwachen selbst als auch die sie umgebenden „Anderen“, die Kraft, das Vertrauen in das Göttliche wiederzuentdecken, gelebte Strukturen permanent zu hinterfragen und das tägliche Miteinander neu zu erschaffen.
Das Ende ist das Ende: Durch die Akzeptanz wird es zugleich zum Durchgang und Beginn von etwas Neuem. Die gefühlte Einsamkeit und Trauer sind echt und öffnen zugleich die Augen für die Möglichkeit einer erneut gefühlt und gelebten Verbundenheit auf allen Ebenen. Das ist eine Chance. Nicht nur für Witwen und Waisen. Für uns alle. //