Die
große
Frage:
Gott
!?

von

Die Frage nach Gott ist so alt wie die Menschheit. Und ebenso alt sind die Lager, die Gott leugnen (Atheisten), ihn weder leugnen noch bejahen (Agnostiker), ihn explizit als existent ansehen (Gläubige). Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 75% der Weltbevölkerung an ein höheres Wesen glauben, dabei verschiedenen Religionen anhängen. Doch ausgerechnet die westliche Welt ist im Begriff, sich von der Religion, aber auch von Gott zu verabschieden. Brigitte Haertel hat zwei von Berufs wegen leidenschaftliche Gottsucher befragt: Gregor Maria Hoff, katholischer Theologe und Heino Falcke, evangelischer Astrophysiker geben Antworten.

4/2025

Foto: Rawpixel.com/Shutterstock

Am liebsten verfasst Gregor Maria Hoff, Professor für Fundamental- und Ökumenische Theologie in Salzburg, Kriminalromane (theo 5/2024). „Weil Theologie auch viel zu tun hat mit gut erzählten Geschichten.“
Zwischendurch schreibt er auch für die Wochenzeitung Die Zeit oder berät die Deutsche Bischofskonferenz in Fragen der religiösen Beziehung zum Judentum. Sein aktuelles Sachbuch Widersprüchliche Hinterlassenschaft (Herder) nimmt das Zweite Vatikanische Konzil und seine ungelösten Probleme in den Blick. Von religiösen Glaubensfragen gehe kaum mehr Faszination, nicht einmal mehr Beruhigung aus, klagte er neulich in einem Interview. Die Kirche müsse sich auf den Weg machen, um „neue Kontaktzonen“ zu entdecken.

 

Glaube und Wissenschaft bedingen einander, da ist der renommierte Astrophysiker Heino Falcke sicher. Für ihn sei es unbegreiflich, dass Wissenschaftler nicht an Gott glauben. Heino Falck, Professor an der Radboud University in Nijmegen, war maßgeblich daran beteiligt, dass es 2017 einem internationalen Astronomen-Team gelingen konnte, ein Schwarzes Loch zu fotografieren. Eine Weltsensation! In seinem aktuellen Buch Zwischen Urknall und Apokalypse (Spiegel-Bestseller) begibt er sich mit dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Römer auf die Suche nach den Ursprüngen unseres Universums und unserer Zivilisation. Die Autoren fragen nach: Was war am Anfang? Woher kommt das Leben? Welche Rolle spielt Gott? Heino Falcke ist zudem Prädikant der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

Welche Rolle spielt der Glaube an Gott für das moralische Fundament einer Gesellschaft?

H.F. Der Glaube an ein höheres Wesen kann eine Gesellschaft verbinden. Er scheint ja alle Gesellschaften zu allen Zeiten beschäftigt zu haben. Moral wird auch über Gott und Religionen abgeleitet.

G.H Religiöse Bindungen nehmen in Deutschland ab. Die Kirchenstatistiken belegen dramatische Auflösungsprozesse. Sie gehen mit einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Glaubensüberzeugungen einher. Für moralische Wertabsprachen und Begründungen spielt der Gottesbezug keine entscheidende Rolle. Umso wichtiger ist es, das Gottesgedächtnis kulturell wachzuhalten – den Bezug auf Transzendenz, der an die Unverfügbarkeit von Schöpfung und Leben erinnert.

Ludwig Feuerbach meint, über die Idee Gottes würden die Menschen sich als Mitglieder ein und derselben Gemeinschaft, der menschlichen Gattung wahrnehmen. Ist die Entfremdung der Menschen untereinander in säkularen Gesellschaften auch auf den weitgehenden Verlust Gottes zurückzuführen?

H.F. Ich kann mir vorstellen, dass Feuerbach recht hat. Bei Jugendlichen ist ja häufig eine große Einsamkeit festzustellen. Statt einer gemeinsamen Hoffnung und einem gemeinsamen Wertefundament ist da Konsum und social Media. Wir sehen in bestimmten Gruppen langsam wieder eine Bewegung hin zu Sinnfragen und Religion. Die Zukunft wird zeigen, ob wir ohne Religion auskommen. Ich vermute sie wird als verbindenden Kraft weiterhin wichtig bleiben.

G.H. Religionsgemeinschaften haben gesellschaftlichen Zusammenhalt längst nicht nur gestärkt, sondern geschwächt – man denke an den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexuellen. Der Glaube an Gott wirkt oft genug ambivalent – gemeinschaftsbildend und sozial trennend. Wenn innergesellschaftliche Entfremdung vor allem die Isolation von Menschen, Vereinzelung und Vereinsamung meint, ist der Verlust an religionsgemeinschaftlicher Bindung ein Aspekt im Prozess moderner Individualisierung, nicht die Ursache. Allerdings: wo religiöse Bindungskraft abnimmt, verlieren Gesellschaften Chancen auf Zusammenhalt.

Wie erklärt die Wissenschaft, aber auch die Theologie, warum Religionen in fast allen Gesellschaften entstanden sind, nicht aber unbedingt der Glaube an Gott?

H.F. Gott ist mit unserem Verstand nicht zu erklären, deshalb brauchen wir Religionen, Rituale, Mythen. Ich vergleiche manchmal die Rolle der Religionen mit der Rolle von Modellen in der Wissenschaft. Sie beschreiben die Wirklichkeit, aber sie sind nicht die Wirklichkeit selber, und Modelle entwickeln sich mit der Zeit. 

G.H. Der Containerbegriff Religion längst nicht einheitlich aufgefasst bzw. definiert wird. Wenn man mit Religion im weitesten Sinne Transzendenzmotive verbindet, können sie mit dem Zeichen „Gott“ artikuliert werden – aber es gibt auch andere Möglichkeiten, Transzendenz zum Ausdruck zu bringen. Das heißt: Es ist nicht überraschend, dass Gottesglaube kein universales Phänomen ist, während Transzendenzerfahrungen zum Menschen gehören – wenn auch nicht ausdrücklich „religiöse“.

Kann der Glaube an Gott nur in einer Gemeinschaft gelebt werden?

H.F. Meiner Meinung nach ist die Gemeinschaft essentiell, als Resonanzraum und als Korrektiv. Das heißt aber nicht, dass Einsamkeit keine Rolle in der Gotteserfahrung spielt. Manchmal spricht Gott sogar in der Stille am lautesten. 

G.H. Das Zeichen „Gott“ wird kommunikativ erhandelt. Es bedeutet nicht nur für eine einzelne Person etwas, sondern bezieht sich auf die Welt, in der Menschen gemeinsam leben. Insofern kann man den Glauben an Gott sehr persönlich leben, aber nicht ohne die Gemeinschaft, in der das Zeichen „Gott“ seine Bedeutung erlangt hat und in der jeweiligen Gegenwart erhält. Deswegen spielen Traditionen für Religionen eine prominente Rolle.

Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft ist das Universum vor etwa 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall entstanden. Die Frage nach dem „Warum“ blieb bis heute unbeantwortet. Könnten Sie wenigstens eine Hypothese anbieten?

H.F. Nein, das Warum ist keine Frage, die die Physik beantworten kann. Wir wissen beim Urknall nur, dass es bestimmte Anfangsbedingungen gegeben hat, die so waren wie sie sind, aber nicht warum sie so waren 1927 schrieb der belgische Physiker und Theologe George Lemaitre einen Aufsatz, in dem er die Idee des Urknalls als Beginn der kosmischen Expansion in die Kosmologie einführte. „Der wahre Ursprung ist hinter einem Schleier verborgen“, konstatierte er später. Diesen Schleier hat die Physik bis heute nicht vom Angesicht Gottes gerissen und sie wird es auch in Zukunft nicht tun. 

G.H. Die Frage nach dem Warum der Welt ist religiös nur mit Blick auf die Genesis erstens zu verstehen und dann zweitens zu beantworten: Gott ist in sich Beziehung (christlich: trinitarisch) und die Welt das Ereignis der kreativen Dynamik, die Gott ist.
Aber: Es handelt sich um eine Deutung in einer Welt, die uns gegeben ist. Wir müssen nach-denkend verstehen, was es bedeutet, dass wir in dieser Welt sinnbezogen denken können und müssen. Das Warum Gottes ist ohne Warum – wenn Gott Beziehung, christlich: Liebe ist, dann schafft er aus dem Grund der eigenen Existenz. 

Gibt es irgendetwas, was die Wissenschaft nicht beantworten kann, die Religion aber schon?

H. F. Die Frage nach dem Sinn und dem Ziel des Lebens. Für Wissenschaft ist Liebe Chemie, im Glauben ist Gottes Liebe ein starkes Band, das mich trägt, aber physikalisch nicht nachweisbar ist.

G.H. Sinnfragen, wie sie Philosophie und Religionen, aber auch Kunst stellen und bearbeiten – also alles, was in sinnhaft erfahrener Welt und ihrer empirischen Erschließbarkeit nicht aufgeht. 

Ist es möglich, eine tiefgreifende Sinnstiftung ohne eine transzendente Instanz zu finden?

H.F. Atheisten behaupten das, ich bin davon nicht überzeugt. Es hat ja immer Bestrebungen gegeben, das unter Beweis zu stellen. Mir fehlt dabei der letzte Schritt, der Anker.

G.H. Philosophie und Kunst leisten dies, weil wir Kultur kennen. Dabei ist die Frage, was man unter Transzendenz versteht. Sensibilität für Heiliges, für Unbedingtes muss nicht religiös im Sinne eines Gottesbezugs sein. Auch die Philosophie des Absurden wie bei Albert Camus erlaubt Sinnstiftung – man denke an die „Pest“ und das ethische Handeln des Dr. Rieux. 

Der Soziologe Hartmut Rosa stellt in seinem Buch „Demokratie braucht Religion“ fest, dass wir uns als Gesellschaft in einer schweren Krise befinden, und dass wir, um da wieder herauszufinden, Traditionen, Rituale und religiöse Einrichtungen brauchen. Wer kann uns (Christen) diese Einsicht nahebringen – da die Kirchen es offenbar nicht mehr schaffen…

H. F. Die Kirchen schaffen es heute nur noch in großen Krisensituationen, wenn Menschen zusammenstehen müssen. Sie schafft es aber gerade nicht mehr, breite Schichten zu erreichen. Es fehlt ihr an innovativer Kraft, die Botschaft des Evangeliums den Menschen zeitgemäß nahezubringen. Vielleicht fehlt den Kirchen auch der Glaube an dieses Evangelium und damit der missionarische Eifer. Die Unterhaltungsindustrie mit ihrem kommerziellen Zwecken kriegt das besser hin, ich habe aber keine Botschaft und keine tragfähige Hoffnung anzubieten. Vielleicht sollten wir der erlösenden Kraft des Evangeliums wieder etwas mehr zutrauen. 

G.H. Jürgen Habermas hat seit seiner Friedenspreis-Rede von 2001 immer wieder auf die eigensinnigen Potenziale von religiösen Traditionen hingewiesen, die ritualisiertem Gedächtnis Raum geben – der Erinnerung an die Opfer der Geschichte. Das betrifft ebenso den Umgang mit Schuld. Die Hinweise aus säkularer Perspektive können unverdächtiger wirken und anregen.  Aber für die Plausibilität des Glaubens müssen die Religionsgemeinschaften und die Menschen, die ihren Glauben an Gott leben, erstverantwortlich Verantwortung übernehmen.

Weg mit den Religionen, schallt es aus dem Kosmos des Atheismus, die Verabschiedung Gottes erscheint als Heilmittel gegen Glaubenskriege, gegen fundamentalen Irrsinn. Ist da nicht auch etwas dran?

H.F. Fundamentalismus funktioniert heute z.T. ja auch ohne Gott. Fundamentalisten sind vor allem von ihrer eigenen, sehr eng gefassten Weltsicht und einem einfachen Gottesbild geprägt, das sehr menschlich ist. Aber Gott geht über unseren Verstand hinaus. Wir müssen akzeptieren, dass Gott weiser und klüger ist als wir und unsere Weisheit nicht das Maß aller Dinge ist. Wer glaubt immer genau zu wissen was Gott will, begeht eigentlich schon Gotteslästerung, weil er Gott klein macht.

G.H. Das Spektrum atheistischer Positionen ist weit und längst nicht nur religionsfeindlich. Aufmerksamkeit für spirituelle Ressourcen findet sich auch hier. Wer darauf setzt, dass atheistisch organisierte Gesellschaften weniger konfliktiv sind und ohne ideologischen Kriege auskommen, blendet die Gewaltgeschichten nicht zuletzt des 20. Jahrhunderts aus. Fundamentalismus ist kein Religionsprivileg, sondern eine Haltung, mit komplexen Herausforderungen umzugehen und sich das Leben mit eindeutigen Freund-Feind-Unterscheidungen einfacher zu machen. Aufgeklärte Religionstraditionen können hier als Gegengift dienen – weil sie um die Ambivalent allen Glaubens wissen.  //