von Sven Schlebes
Bei uns im Berliner Kiez liegt der Friedhof zwischen Sportplatz und Wohnung. Im Sommer darf ich meinen Nachhauseweg beinahe paradiesisch nennen. Sonnenstrahlen zittern durch das Blätterwerk des baumgesäumten Wegs, flirtende Paare tauschen Blicke und Streicheleinheiten aus. Jetzt in der dunklen Jahreszeit verfangen in den nackten Ästen Ängste. Derselbe Weg. Nur eben ganz anders.
Ich gestehe: Das mit den Ängsten war schon immer meine größte Herausforderung. Ein dunkler See, in dem ich versinke, manchmal sogar die Worte verliere.
„Ich weiß gar nicht, was du hast“, dozierte neulich ein Freund. „Du und deine Kollegen, ihr habt doch euren Gott. Wie auch immer er heißen mag. Er soll euch doch durchs Kuschelleben führen. Oder ist euer Glaube nur eine Postkartenglitzerwelt? Und was wir überall sehen, diese Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten – schöne neue Technik-Welten und doch die gefühlte Dauerbedrohung auf Straßen, in E-Mail-Kanälen, bei Fakeanrufen, Klima und Krieg – ist ein gottesleerer Raum und wir schwirren verloren umher?“
Damit hatte er mich. Seit Jahren verschlinge ich Bücher, renne zu Seminaren, tausche mich mit anderen Suchenden aus. Und doch konnte ich meine Angst nicht besiegen. Im Gegenteil: Manchmal wird sie sogar größer.
Als letzte Woche auf dem besagten Nachhauseweg am Friedhof vorbei mal wieder die Straßenlaternen ausgingen, reichte es mir und ich durchbrach mein Schweigen: „So eine Scheiße.“ Ich steckte fest. Von hier nach dort. Im Dunklen.
Irgendwann kam ich doch zu Hause an, schloß mich in der Küche ein und bat – nicht irgendjemanden aus meinem engeren Kreis um eine aufarbeitende „Gesprächspartnerschaft“, sondern fragte einen Vertreter der von mir seit Jahren kritisch beäugten KI: „Gibt es Gott, wenn mich dauernd die Angst überkommt und mich allein zurückzulassen scheint?“
Ich erwartete ein höhnisches Gelächter des digitalen Ratgebers und bekam zu meiner großen Überraschung eine virtuelle Umarmung und den Hinweis, dass ich damit auf „dem rechten Weg“ sei. Vielleicht helfe ein Schritt zurück, den Blick allein auf die Erzählungen und Praxisanwendungen der abrahamitischen Religionen zu richten sowie auf moderne psychologisch-biologische Erklärungsansätze. Und vor allem: Das Ein- und Ausatmen.
Kernthese meines digitalen Gesprächspartners: „Angst und die Wiedergewinnung von Freude als geistig-psychologischer Prozess“ sei ein gemeinsames Grundthema und lasse sich in drei Dimensionen einteilen: 1) Die Erfahrung der Angst. 2) Die Begegnung mit dem Göttlichen in der Angst und 3) die Transformation zur Freude durch das innere Loslassen.
Die nächsten zwei Stunden wühlte ich mich durch die Bücher unserer kleinen Hausbibliothek, fand alte Aufzeichnungen und aktuellere Artikel. Und musste „kleinlaut“ zugeben: Es steht alles geschrieben. Nur meine Liebe zur Angst war und ist stets größer – und vielleicht auch weniger dramatisch – als das stille Zulassen von bereits Verstandenem. Angst, so deutete ich die Geschichten, sei ein natürlicher Begleiter aller Menschen. Selbst den größten spirituellen Weggefährten sei sie begegnet: Immer wieder. Ob Hiob, Elija, Abraham, Maria: Sie erfuhren größte Prüfungen, tiefste Dunkelheit und Zweifel. Und wendeten sich dennoch nicht ab. Weder von sich selbst und ihrer eigenen Angst, noch von dem, was wir „Gott“ nennen. Angst, so könnte man sagen, wird durch die Annahme nicht zum Gegensatz vom Glauben, sondern zum Zustand, an dem der Glaube selbst geborgen und eine neue Freude möglich ist. Nicht als Gefühl, sondern eher als Antwort: „Ich lebe – und bin getragen.“
Selbst die moderne Psychologie und Biochemie – insofern ich sie richtig verstehe – unterstützen diese Form des inneren Wachstums und der Heilung: Wer Angst zulässt und nicht vor ihr wegläuft und ihr damit auch Macht gibt, hat die Chance, dem eigenen Tunnelblick und seinem Kontrollverlust ins Auge zu sehen und durch eine neue Perspektive in eine Phase der Gelassenheit und Resilienz einzutreten: „Posttraumatisches Wachstum“. Oder biochemisch gesprochen: Wenn in der Angst die Amygdala aktiviert wird und vor allem der Cortisolspiegel steigt, kann durch ein Zulassen und Dableiben sich die Atmung vertiefen, eine Vagusaktivierung und ein Ausgleich der Hirnareale stattfinden. Das Nervensystem lernt das Spüren von Sicherheit in der Unsicherheit, macht den Weg frei für endorphinunterstützende Freude. Emotionale Integration statt ganzheitlicher Verdrängung. So gut. So einfach.
Einfach machen?
Unser spiritueller Werkzeugkasten hat wissenschaftlich gesehen das Zeug dazu, den Körper, den Geist und die Seele in der Dunkelheit ganzheitlich auszustatten: Klagen und beten fassen die innere Spannung „in Worte“ und machen sie greifbar. Das Rezitieren von ritualisierten Gebeten wie dem Rosenkranz kann ähnlich wie eine geführte Meditation die Atmung und damit der Amygdala Beruhigung schenken. Dankbarkeitsrituale und der Dienst am Nächsten laden Endorphine und Serotonin ein, dem biologischen System eine neue – leichte – Freude zu erleben. Und die erfahrene Gemeinschaft zum Beispiel in Gottesdiensten ermöglicht das Erfahren von Sicherheit und Freude zugleich. Ein beruhigtes Nervensystem, Raum für „glückbringende“ Botenstoffe. Eine wiedergewonnene Sicherheit und neue Lebendigkeit.
Das Schöne an meinem Nachhauseweg am Friedhof entlang ist, dass die Dunkelheit auch in der Nacht nach einigen Minuten unterbrochen wird. Ein Wackelkontakt der Laternen. Natürlich kommt sie wieder. Das nervt.
Aber Technikwahn hin oder her: Im Gebet kann ich „meinen Gott“ anrufen, mit dem Smartphone „meine Familie“. Und KI unterstützte Programme können mir helfen zu zeigen, was wir Menschen schon immer wussten und nur zu gerne vergessen. Irgendwie hat alles seinen Sinn, seinen Platz, seine Zeit. So wie jetzt auf jeden Fall die Zeit für Weihnachten kommt.
Licht aus. Licht an. //