von theo
Die Furcht von Gläubigen, das Christentum könne in Deutschland bald endgültig zu Grabe getragen werden, kann ein Blick in die Tiktok Kommentarspalten eindämmen: Gerade junge Menschen, so vermuten Soziologen, sorgen sich heute wieder vermehrt um ihr Seelenheil. Vor allem, seit Sängerinnen wie Nina Chuba mit so einfühlsamen Zeilen wie „Ich fahr zur Hölle, kommst Du mit/ich hab gehört, da ist ne Party“ eine große Anhängerschaft in den sozialen Medien bedienen.
Religion lebt vom Wort, vom Ritual, vom Blick, von Begegnung: Von den ersten Erzählungen über den Buchdruck bis zum Livestream:
Religion war immer medial verfasst. Das Digitale führt diese Logik fort, verschiebt sie jedoch in eine neue Dimension: als Podcast im Ohr, als Bibelvers auf Instagram, als interaktives Gebet auf dem Stream. Die Digitalisierung schafft keine neue Religion, aber sie verändert signifikant, wie vor allem junge Menschen wahrnehmen, fragen, glauben, deuten. Davon könnten sogar die Kirchen profitieren, denen seit Jahrzehnten die Mitglieder abhanden kommen. Sie braucht die Menschen, die im Netz persönliche Beziehungen aufbauen. Allein die eigenen Angebote reichen längst nicht mehr, besonders junge Menschen zum Glauben zu bringen. Der Kommunikationswissenschaftler Holger Sievert hat sich jüngst dafür ausgesprochen, in jeder Kirchengemeinde einen Experten für Digitalisierung zu beauftragen. Schließlich sollten die Kirchen wissen, dass auch der liebe Gott nicht von vorgestern ist.
Und so sind seine Anhänger und Anhängerinnen längst auf den digitalen Zug aufgesprungen:
Da sind die großen Christfluencer, Podcaster, Youtuber, die Gott als dem großen Meistercoacher huldigen: Fit werden und bleiben mit Gott, die richtige Ernäherung mit Gott, die richtige Bewerbung mit Gott und natürlich die Kindererziehung mit Gott. Doch es geht weiter, viel weiter: Da ist die Teufelsaustreibung im Live-Stream, KI-Videos von Himmel und Hölle und das digitale Engel-Festival .
Das Weltjugendtreffen war ein Höhepunkt im „Heiligen Jahr 2025“ der Katholischen Kirche. Es begann mit einem Treffen von Papst Leo XIV. und katholischen Influencern. Der Papst ermunterte die jungen Menschen ganz explizit, Social Media für die Verbreitung der christlichen Botschaft von Liebe und Hoffnung zu nutzen. Sie sollten sich an der Mission der Kirche beteiligen, den Frieden überall suchen und verkünden: „ Sowohl an dramatischen Orten des Krieges, als auch in den leeren Herzen derer, die den Sinn des Lebens und die Freude an der Innerlichkeit, am geistigen Leben verloren haben.“ Schon Christus habe seine Jünger aufgefordert „Netze zu knüpfen. Netze der Beziehungen, Netze des selbstlosen Teilens, in denen tiefe Freundschaft liege.“
Doch das Bekennen zum eigenen Glauben und vor allem das Missionieren ist auch eine Spezialität evangelikaler, ultrakonservativer Christen, die in den sozialen Medien omnipräsent sind. „Du willst doch Deine Oma im Himmel wiedersehen, hier auf Tiktok kannst Du mit ihr in Kontakt treten“, heißt es da schon für die Kleinen.
Selbstverständlich gibt es für religiöse Inhalte im Netz auch Häme vor allem von linker Seite: So nennt die Taz „christliche Ideologie“ im Netz einen Rückschritt. Und mockiert sich über den jungen Youtube-Star Philipp Mickenbecker, der sich vor seinem Krebstod öffentlichkeitswirksam taufen und später auch filmen ließ.
Bald ist Weihnachten, da werden nicht nur die bunten Teller, sondern auch die Kirchen wieder voll sein. Für zwei Tage. Es sind die lauen Christen, denen nur noch wenig Zukunft vergönnt sein wird. Sie werden aussterben, sagt der Soziologe Gert Pickel.
Ob allerdings dem digitalen christlichen Bekenntnis im Netz mit seinen Millionen Followern eine wirklich große Zukunft beschieden ist, muss sich erst noch zeigen. //