von Tobias Haberl
Die meisten haben keine Ahnung, wovon ich spreche, wenn ich ihnen mein Unbehagen über die Entwicklung unserer Welt gestehe und – in einem innigen Moment – anvertraue, wie sehr ich darunter leide, dass alles immer schneller, effizienter, digitaler wird, ja dass ich es manchmal kaum glauben kann, wenn ich bei meiner Bank oder meinem Handyanbieter anrufe und in der Leitung ist kein Chatbot, sondern ein echter, womöglich zuvorkommender Mensch.
„Keine Ahnung, was du meinst“, sagen sie dann „ist doch alles praktisch, viel einfacher als früher.“ Und ich bleibe ratlos zurück und kann wieder mal nicht fassen, dass so wenigen auffällt, was ich überdeutlich wahrnehme: dass wir uns immer weiter von der Natur und eigentlich auch voneinander entfernen, obwohl wir permanent connected sind; dass sich mit algorithmischer Präzision eine Art Entmenschlichungsprogramm über unsere Welt stülpt, weil wir zwar immer älter und gesünder, aber irgendwie auch konformer, funktionaler, maschinenhafter werden; dass alles, was sich bestellen und konsumieren lässt, immer mehr wird, aber alles andere – Poesie, Sehnsucht, Sinn, Stille – immer weniger. Der Erfinder des Computers, der deutsche Ingenieur Konrad Zuse, hatte schon recht, als er bereits vor Jahrzehnten warnte: „Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.“
Es war der Soziologe Max Weber, der vor über 100 Jahren den Begriff der „Entzauberung der Welt“ prägte. Er meinte damit, dass es „keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte“ mehr gebe, dass man vielmehr „alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne.“ Damit beklagte er bereits 1917 eine Entwicklung, die danach erst richtig Fahrt aufgenommen hat: die Berechnung jeder Eventualität durch digitale Tools, die letztlich alles Lebendige erfasst und entseelt. Denn natürlich kann man ohne Rätsel, ohne Schönheit, ohne tieferen Grund existieren, das verzweckte Leben kann gelingen samt Familie, Haus und Mallorca-Urlaub, und doch gibt es eine zweite, unsichtbare Welt, und wer sich ihr öffnet, wird in eine andere, tiefere Dimension des Lebens vorstoßen, in ein grundsätzliches Einverstanden-Sein mit allem, was das menschliches Leben ausmacht, auch mit dem Leid und dem Tod. Diese Welt lässt sich nicht greifen und beweisen, aber sie trägt, wenn es darauf ankommt. Eröffnet wird sie einem nicht nur, aber vor allem durch den Glauben, und die Tatsache, dass immer weniger dieses Geschenk erkennen, muss jeden, der es in seinem Herzen trägt, mindestens verwundern.
Wir leben in einer Zeit, die uns kaum noch staunen lässt. Algorithmen sagen uns, was wir mögen werden, Statistiken, wie wir uns verhalten; die Welt ist vermessen und optimiert. Und eigentlich bräuchten wir eine Pause oder jemanden, der uns in den Arm nimmt, aber alles, was wir kriegen, ist schnelleres Internet. In einer Logik gnadenloser Berechnung, wird alles Un-Berechenbare aussortiert, das können Menschen sein, aber auch Gedanken, Gefühle, Konzepte, die sich dem gnadenlosen Strom von Daten und Kapital widersetzen, weil ihre Sehnsucht nach einer echten Verbindung, zu anderen Menschen, zur Natur, zu Gott zu stark ist. Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen diese Sehnsucht nach Tiefe und Bedeutung haben, dass die meisten sie im Lärm und im Stress unserer Zeit nur nicht wahrnehmen. Oder warum das dauernde Gefühl nicht zu genügen, nicht erkannt zu werden, nicht genug vom Leben abzukriegen?
Ich weigere mich anzuerkennen, dass der möglichst reibungslose Ablauf des Geschehens alles sein soll. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass alle, die unter den gegenwärtigen Zuständen leiden, zur Wiederverzauberung unserer Welt beitragen sollten. Damit ist kein Rückfall ins Mittelalter gemeint, keine Flucht vor der Vernunft, auch ich möchte nicht auf die positiven Seiten des technologischen Fortschritts verzichten. Aber es wäre viel gewonnen, wenn wir die negativen Aspekte präziser wahrnähmen, auch den Preis, den wir für Geschwindigkeit und Bequemlichkeit zu zahlen haben.
Eigentlich ist es ganz leicht, aber ohne Risiko geht es nicht: Die Wiederverzauberung der Welt beginnt dort, wo wir den Mut haben, uns berühren zu lassen – von dem, was sich nicht vollständig erklären, aber tief erfahren lässt. Man muss sich auf einen Weg begeben, von dem man nicht weiß, wie er einen verändert und wohin er einen führt. Man muss das Leben in seiner Unkontrollierbarkeit annehmen, muss vertrauen – ohne Garantie. Man muss den formatierten Alltag immer wieder absichtlich unterbrechen, indem man Stille zulässt, jemandem zuhört oder in den Nachthimmel schaut, obwohl man eigentlich Dringenderes zu tun hätte. „Wenn man alles beherrscht, geht etwas verloren“, sagt der Soziologe Hartmut Rosa. „Die Welt spricht und singt nicht dort zum Menschen, wo sie beherrscht wird, sondern wo der Mensch für sie entbrennt.“ Der Unterschied zwischen einem ent- und einem verzauberten Leben gleicht dem zwischen einer Bergwanderung und einer Gondelfahrt. Während sich der Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel allerlei Mühen und Gefahren aussetzt, ja nicht einmal sicher sein kann, ob er ihn überhaupt erreicht, bucht der Gondelfahrer ein Ticket, minimiert das Risiko und gelangt in der Regel sicher und bequem ans Ziel. Aber ist der Gipfel überhaupt das Ziel? Oder symbolisiert er es nur, und das Ziel besteht darin, Erfahrungen zu machen oder, religiös gesprochen, in der Verschränkung aus Gottes- und Selbsterfahrung ein neuer Mensch zu werden? //
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Tobias Haberl ist Journalist beim Magazin der
Süddeutschen Zeitung, Sachbuchautor und nicht zuletzt Katholik.