von Maria Caspari
Nahtod-Erfahrungen: In Europa blicken mehr als 20 Millionen Menschen auf eine solche zurück, und bis heute wirft die Humanmedizin kritische und ungläubige Fragen zum Thema auf, ordnet, grob gesagt, Nahtod-Erfahrungen der menschlichen Phantasie zu.
Doch immer mehr Ärzte weichen dank ihrer Erfahrungen mit Patienten von dieser Haltung ab. Der Allgemeinmediziner Wolfgang Krüll und der niederländische Kardiologe Pim van Lommel stellen in ihrem Buch Nahtod-Erfahrungen – Blick in eine andere Welt die These auf, dass ein Bewusstsein jenseits des Gehirns existieren muss. Und treffen sich auf dieser Ebene mit Wissenschaftlern wie Albert Einstein oder Carl Friedrich von Weizsäcker.
Fundiert und wissenschaftlich versiert, entkräften die beiden Mediziner die vorherrschende These der aktuellen Wissenschaft, Sauerstoffmangel im Gehirn führe bei den Patienten zu einer Art Endorphinausschüttung und rufe so Glücksgefühle und eine Tunnel-Situation hervor. Ungeachtet der Beteuerungen etlicher Patienten, die minutiös beschreiben konnten, wie diese Erfahrungen abliefen, und die daraufhin tiefgreifende weltanschauliche Veränderungen durchlebten, beansprucht die Schulmedizin die alleinige Deutungshoheit über Nahtod-Erfahrungen.
„Das Paradoxon“, schreiben die Autoren Knüll und van Lommel, „dass gerade in der Phase, in der die Durchblutung des Gehirns vollständig zum Erliegen kommt, ein erweitertes und klares Bewusstsein sowie logische Denkprozesse möglich sind, wirft besonders heikle Fragen zu unserem heutigen Verständnis von Bewusstsein und seiner Beziehung zum Gehirn auf. Klare Empfindungen während einer Phase des offensichtlich klinischen Todes sind eine Herausforderung an das Konzept, das Bewusstsein sei ausschließlich im Gehirn verankert“, schreiben Wolfgang Knüll und Pim van Lommel. Beide forschen seit fast 50 Jahren zum Thema Nahtod-Erfahrungen und sind mit ihren engagierten Thesen nicht allein.
Der Literaturwissenschaftler und Sterbeforscher Bernard Jakoby ist sicher: Der Mensch ist mehr als sein vergänglicher Körper. Und: „Nahtod-Erfahrene haben das Angesicht des Todes aus nächster Nähe gesehen. Sie haben eine innere Perspektive des Sterbens erfahren, in der alle Furcht sich auflöst.“
In Großbritannien hat der Intensiv-Mediziner und Kardiologe Sam Parnia Berühmtheit erlangt, seit er die Bewusstseinszustände von Patienten bei einem Herzstillstand untersucht und darüber in Fachpublikationen berichtet hat. Inzwischen lehrt er an der Stony Brook University im US-Bundesstaat New York. In seinem Buch Der Tod muss nicht das Ende sein stellt er die zugegeben waghalsige These auf, Menschen, die medizinisch für tot erklärt wurden, könnten noch Stunden später ins Leben zurückkehren, ohne bleibende Schäden davonzutragen. Paria ist sicher: das Bewusstsein überlebt. Er hält die Ignoranz vieler seiner Kollegen für einen Skandal.
In Amerika ist die Nahtod-Forschung längst zu einer eigenen Wissenschaft erblüht, riesige Studien verblüffen mit neuen Erkenntnissen. Als Pioneer auf dem Gebiet gilt der Arzt Raymond Moody, der selbst einmal ein Nahtod-Erlebnis hatte und später Berichte über 150 Patienten sammelte, die klinisch tot waren und dann wiederbelebt wurden. Sein Buch Life after Life rauschte in die Bestsellerlisten.
Seither sind zahllose weitere Bücher zum Thema erschienen: Betroffene tauschen sich in Foren und Netzwerken aus. Sie berichten, wie sie sich von ihrem Körper lösten, angezogen von einem überirdischen Licht. Manche Menschen gingen durch einen Tunnel oder trafen geliebte Verstorbene wieder. Fast alle verspürten unendliche Liebe und einen tiefen Frieden. Immer wieder erzählen Menschen auch, dass ihr Leben an ihnen vorübergezogen sei und sie mit ihren guten und weniger guten Taten konfrontiert habe.
Pim van Lommel berichtete vor Jahren in dem Fachblatt „Lancet“ von einem 44-jährigen Patienten, der bewusstlos im Park zusammengebrochen war. Sein Herz war stehengeblieben, sein Gehirn nicht mehr aktiv. Ärzte begannen kurze Zeit später mit der Reanimation. Eine Krankenschwester nahm dem Mann das Gebiss aus dem Mund, um ihn mit einem Schlauch zu beatmen. Er überlebte. Als er nach einer Woche die Krankenschwester wieder sah, sagte er: „Da ist ja die Frau, die weiß, wo mein Gebiss ist.“ Der Patient wusste, dass sie es in eine Schublade gelegt hatte, konnte sich an den Raum erinnern, in dem er wiederbelebt worden war und beschrieb Details der Reanimation. Obwohl er klinisch tot gewesen war. Er habe seinen Körper verlassen und sei im Raum herumgeschwebt, erzählte er dem verdutzten Klinikpersonal.
Van Lommel schließt daraus, dass Nahtod-Erfahrungen unmöglich allein durch biochemische Vorgänge im Gehirn erklärt werden können: Und dass die Seele eine eigene Entität ist, völlig unabhängig von einem funktionierenden Gehirn.
In den USA hat es der Neurochirurg und Harvard-Professor Eben Alexander zu einem vielgelesen Autor gebracht: 2008 verlor er nach einer brutalen Schmerzattacke das Bewusstsein. Die Ärzte stellten eine seltene, hochgefährliche Meningitis fest. Während eines sechstägigen Komas habe er eine Reise angetreten, die er in seinem Buch Proof of Heaven einen Himmelsbeweis nennt. Danach wurde er zu einem tiefgläubigen Christen, den seine Erfahrungen „zu einem komplett anderen Menschen machten.“
„Die wichtigste Botschaft, die ich damals empfing, war jene, dass es einen allmächtigen Schöpfer gibt. Und wir sollten unserem Schöpfer als Kanäle der Liebe dienen, indem wir uns für Mitgefühl, Vergebung und Akzeptanz entscheiden. Ich habe darüber hinaus erfahren, dass der Tod des Körpers und des Hirns nicht das Ende des Bewusstseins sind, dass der Mensch über den Tod hinaus Dinge wahrnimmt.“ Alexander beruft sich auf den Physiker Werner Heisenberg, der in der Quantenphysik erkannte, dass auf einer Ebene unterhalb der Atome alles mit allem verbunden sei.
„Ich spüre“, schreibt Eben Alexander, „dass alle Verluste, die wir hier auf Erden erdulden müssen, in Wahrheit Varianten eines zentralen Verlusts sind; dem Verlust des Himmels.“
Es geht auch weniger groß: Die australische Autorin Dianne Morrissey erlitt aufgrund eines Stromschlags einen Herzstillstand. Sie war etwa 45 Minuten ohne Bewusstsein. Von oben, in einem Schwebezustand, sah sie ihren Körper am Boden liegen. „Ich war übervoll von Glück“, erzählt sie in einem Interview. Und dann, in einem einzigen Moment, erlebte sie ihre 28 Lebensjahre gleichzeitig.
Es existieren unendlich viele solcher Beispiele, und dennoch: Die Frage wird bleiben: Sind Nahtod-Erfahrungen Hinweise auf ein unendliches Bewusstsein oder spielen Neutronen dem Gehirn einen letzten Streich? Die Wissenschaft weiß heute eine Menge über den sterbenden Körper, über den sterbenden Geist weiß sie erstaunlich wenig. Wohin geht das Bewusstsein, wenn wir sterben?
Groß ist das Lager der Pragmatiker: Funktioniere das Gehirn nicht mehr, gehe der Geist nirgendwo hin. Er verschwinde, wie die Projektion eines Beamers, wenn der Stecker gezogen wird. Diesem Lager stehen spirituell musikalische Menschen entgegen, zu denen Wolfgang Knüll und Pim van Lommel gehören. Für sie sind Nahtod-Erfahrungen ein Beweis für die Existenz Gottes, eines höheren Wesens.
Wolfgang Knüll schreibt: „Die Akzeptanz der Nahtod-Erfahrung als unabhängiges Phänomen könnte es erleichtern, ein neues, wissenschaftliches Konzept für das Verständnis der Beziehung von Bewusstsein und Gehirn zu entwickeln. Für mich ist klar: Nur durch Lieblosigkeit und unmenschliches Handeln erschaffen wir die sogenannte Hölle. Alles, was wir tun, sollte vor der Liebe Bestand haben. Damit erfüllen wir ganz nebenbei das Gebot des Nazareners Jesus, der für diese Botschaft der Nächstenliebe mit seinem irdischen Leben eintrat.“ Doch Knüll bemüht auch andere Glaubensrichtungen, wie den großen islamischen Lehrer Rumi, der um das Jahr 1200 die Liebe als Urgrund aller Dinge ausmachte.
„In seiner Auslegung des Koran fehlt jeder Hinweis darauf, dass man als Märtyrer für seinen Gott wahllos töten solle“, schreibt Knüll. „Die Nahtod-Erfahrungen bei Herzstillstand und Bewusstlosigkeit sind gleich: sie alle tragen das ultimative Gebot der Liebe und Nächstenliebe als aktiven Auftrag in sich.“
Knüll und van Lommel sind sich einig: Auf Erden kommen wir über die Begrenzung unseres Geistes offensichtlich nicht hinaus. Alles, was über das Irdische hinaus erfahrbar wird, kommt von den Nahtod-Erfahrenden. //