Queen
mit Seele

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Einem blonden Rauschgoldengel gleich, setzte 1977 der US-Fotograf Irving Penn die Country-Musikerin Dolly Parton in Szene. Heute, gerade 80 Jahre alt geworden, verkörpert sie für die meisten Amerikaner tatsächlich so etwas wie einen Engel. Eine deutsche Tageszeitung nennt sie gar „Amerikas Schutzheilige“.

1/2026

Foto: Wes McFee/unsplash

60 Jahre Karriere, 300 Songs, 100 Millionen verkaufte Platten: Dolly Parton ist die Königin der Countrymusik, aber noch mehr ist sie die Königin der Herzen. Im heutigen, tief gespaltenen Amerika titelt die New York Times in ihrem Kulturteil: Gibt es etwas, worauf wir uns alle einigen können? Ja! Dolly Parton!

Auch persönlich bringt die Sängerin scheinbar Gegensätzliches zusammen: eine Vorliebe für ein aufgeplüschtes, glitzerndes Äußeres mit echter Tiefe und religiöser Hingabe.

Die Anfänge der meisten großen Sängerinnen, egal welcher Hautfarbe, liegen in der christlichen Countrymusik. „Ich liebe Geschichten, die Märchen und die Geschichten aus der Bibel“, sagt Dolly Parton. Menschen, die ihre Wurzeln nicht vergessen, begeistern die Amerikaner, Dolly Parton ist bis heute tief verbunden mit ihrer Heimat in den Smoky Mountains. Es ist eine abgehängte Region in Tennessee, wo sie in einer ärmlichen Holzhütte ohne Strom und fließendes Wasser als vierte von zwölf Geschwistern aufwuchs. „Wir waren eine musikalische, eine gläubige, vor allem eine glückliche Familie.“ Früh reift in Dolly der eine große Traum: Nashville, die Welthauptstadt der Countrymusik, 400 Kilometer von zu Hause entfernt.

Mit sieben Jahren lernt sie auf einer selbst gebastelten Gitarre zu spielen, ein Onkel ermutigt sie, sich bei Radio- und Fernsehsendungen zu bewerben, Dolly ist sich ihrer Begabung bewusst:  Mit 18 zieht sie nach Nashville, am Tag nach ihrer Ankunft lernt sie ihren Ehemann kennen, den Bauunternehmer Carl Dean, mit dem sie zeitlebens verheiratet bleiben wird. Ihr Privatleben halten beide konsequent unter Verschluss.

Bald nimmt Porter Wagoner, ein beliebter Country-Sänger und Moderator, sie in seine Show auf. Als sie 20 ist, erscheint ihr erstes Album Hello, I’m Dolly, für das sie bereits die meisten Songs selbst schreibt. 1974 kommt der Durchbruch mit dem Album Jolene. Und die Ballade ihres nächsten Albums I will always love you bewegt eine ganze Nation. Viel später, von der Sängerin Whitney Houston gecovert, wird der Song zu einem der meistverkauften der Welt aufsteigen. Kaum jemand erinnert sich da noch, dass Dolly Parton das Stück geschrieben hat.

Ihr Glaube an den amerikanischen Traum war und ist wie auch der Glaube an Gott unerschütterlich. Ihren Erfolg und ihren Wohlstand versteht sie als Geschenk Gottes. „Von all dem möchte ich etwas zurückgeben.“

In TV-Shows lernen die Amerikaner ihre Lebensfreude, ihr Talent und ihre Warmherzigkeit kennen. „Ich habe ein gutes Herz, damit wurde ich geboren.“

Neben ihrem Song-Repertoire legt sich Dolly Parton einen unverwechselbaren, schrillen Look zu: Eine übertriebene Version von Weiblichkeit, die sie einfach ihren „Stil“ nennt: Viel Künstliches, viel Oberweite und hochtoupiertes Haupthaar: „White Trash Country Kid“ nennt sie sich selbstironisch, es ist die hässliche Bezeichnung für ästhetisch verirrte Amerikaner der sogenannten Unterschicht. Selbstbewusst beginnt sie früh mit Verjüngungsmaßnahmen, macht ihre zahlreichen Schönheitsoperationen sogar öffentlich. Doch die Südstaaten-Schönheit Dolly Parton ist keine Diva, nicht das Blondchen vom Dienst: sie ist eine starke Persönlichkeit. Bald wendet sie sich den Rechten von Frauen- und Minderheiten zu, setzt sich im politisch bewegten Amerika der 1970er-Jahre für queere Menschen ein. Über andere urteilen, sagt sie einmal, dürfe nur Gott.

1986 gründet sie zusammen mit einem Entertainment-Unternehmen den in Tennessee gelegenen Freizeitpark „Dollywood“, einige Jahre darf er sich der „Beste Freizeitpark der Welt nennen“. Die Sängerin will mit diesem Projekt den 3 Millionen Besuchern jährlich die Kultur und Besonderheiten ihres Heimatlandes nahebringen.

Nach einer Gebärmutterentfernung in den 80er-Jahren platzt ihr Traum von eigenen Kindern. Sie nennt es „den größten Schmerz überhaupt“. Zeitweise versinkt sie in Depressionen, rappelt sich wieder auf und gründet die „Dollywood-Foundation“, eine Stiftung, die helfen soll, die Schulabbrecherquote zu senken. Inspiriert durch die Geschichte ihres Vaters, der nie Lesen und Schreiben lernte, investiert sie Millionen, um Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Aus der Non-Profit-Organisation erwächst 1995 die Leseinitiative Imagination Library, die Kindern ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt jeden Monat ein Buch zukommen lässt. Ein Projekt, das sich bis heute auf 21 US-Staaten ausgeweitet hat. Sie träume davon, dass jedes Kind sein Potenzial entfalten könne, erzählt sie anlässlich der Verleihung eines Grammys.

2026 spendet Dolly Parton acht Millionen Dollar für die von den Waldbränden in Gattinburg/Tennessee betroffenen Familien, auch während der Pandemie unterstützte sie eine Health-Forschungseinrichtung mit Millionen.

In einem extrem polarisierten Amerika ist Dolly Parton im Laufe der Jahrzehnte zu einer Ikone aufgestiegen. Heute lebt sie wieder in Tennessee, wo sie Gott und der Natur ganz nah sein kann, wie sie sagt. „Das Song-Schreiben ist meine Zeit mit Gott. Ich bin dann in meiner eigenen kleinen Welt, das liebe ich.“

Das vergangene Jahr war hart für die Musikerin: Im Frühjahr starb ihr Ehemann Carl, mit dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte. Voller Trauer widmete sie ihm den Song: If you hadn‘t been there, etwa: „Wenn Du nicht gewesen wärst.“ Kurz darauf setzte eine Krankheit sie außer Gefecht, von der nichts weiter bekannt ist. Tapfer lachend meldete sie sich zum Jahresende auf Instagram zurück: „I ain’t dead yet.“  //