von Brigitte Haertel
Daniel Haas war Kulturredakteur bei Spiegel-Online, es folgten Stationen bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Zeit sowie der NZZ. Er schreibt über Film, Literatur und Gesellschaftspolitik.
Der vielleicht 7-jährige Daniel Haas schmiegt sich etwas schüchtern an seine Mutter – eine glamouröse Ausnahmeschönheit mit Stil und Eleganz. Doch sie hat keinen Blick für den Jungen, der Blick ist auf die Kamera gerichtet und ruft ihr zu: Seht her, da bin ich.
Es ist dieses Foto, das den tragischen Lebenslauf von Daniel Haas antizipiert, den er in seinem Buch Einsamsein – Geschichte einer Befreiung schonungslos offenlegt.
Die Geschichte geht so: Nach jahrzehntelangen, vergeblichen Versuchen, seine innere Einsamkeit mit Alkohol und Drogen zu ertränken, war Daniel Haas 2019 nach einem Totalzusammenbruch in einer Hamburger Psychiatrie gelandet und danach weiter auf dem Weg nach unten. Sein Job bei einer internationalen Tageszeitung war weg, seine Kollegen und auch seine Freundin, alle hatten ihn verlassen.
Im Sommer 2021 – er war Mitte fünfzig und lebte allein in einem Zustand tiefer Depression und Verwahrlosung – ließ seine in der Schweiz lebende Mutter ihn telefonisch wissen, dass sie mit Hilfe des Sterbehilfevereins Exit aus dem Leben zu scheiden gedenkt. Sie, aus uraltem Adel stammend, dreimal verheiratet gewesen mit vermögenden Männern, hatte in zahlreichen Affären und einem von Kultiviertheit und ästhetischer Anspruchshaltung dominierten Leben erfolglos nach Erfüllung gesucht.
Alt, schwach und nicht mehr schön zu sein, war für sie eine nicht hinnehmbare Kränkung. So beschreibt es Daniel Haas.
Schon sein leiblicher Vater hatte sich suizidiert, indem er mit seinem Fahrzeug vor einen Baum geprallt war, der Sohn war da 16 Jahre alt.
Nun also reiste dieser Sohn auf Bitten seiner Mutter in die Schweiz, um ihr Adieu zu sagen. Er lässt seine Leserschaft teilhaben an dieser letzten Begegnung, an dem sachlichen, unsentimentalen Abschied – in dem es weitestgehend um Geld geht – und an dem Schock, der ihn, den vermeintlich reichen Erben, kurz nach ihrem Ableben heimsucht: Der letzte Ehemann seiner Mutter hatte ihr riesiges Vermögen mit Börsengeschäften durchgebracht – sie hatte davon nichts gewusst. Auf den Konten dümpelten noch 200 Franken vor sich hin. „Dafür kann man sich in der Schweiz nicht mal mehr eine Krawatte kaufen. An diesem Augustmorgen zerplatzt mein Traum vom Leben als Privatier. Ich bin jetzt arbeitslos, arbeitsunfähig und pleite“, schreibt Daniel Haas lakonisch.
Wenig später geschieht das Unglaubliche: Er rafft sich auf, schafft Ordnung in seiner Hamburger Wohnung und in seinen Gedanken, verliebt sich in eine Frau. Ein Freund schleppt ihn mit in ein christliches Seminar – eine offensichtlich segensreiche Erfahrung. In den 80er-Jahren hatte Daniel Haas schon einmal das Religiöse bemüht, Unterschlupf und Erlösung in einem Benediktinerkloster gesucht: „Es lief wunderbar, bis meine Heroinvorräte aufgebraucht waren.“
Dieses Mal war es anders: zwar endete die neue Liebe im Nichts, das Seminar und die Unterstützung eines engen Freundes aber markierten einen Wandel in seinem Leben. Vor ein paar Wochen, am Ostermontag, konvertierte Daniel Haas zum katholischen Glauben – ein Jesuit hatte ihn auf dem Weg dorthin begleitet.
Und dann wollte auch noch sein Buch in die Welt und am Ende sogar auf die Bestsellerliste. Einsamsein – eine Befreiungsgeschichte ist ein faszinierendes, ein unerhörtes Werk, das bis an die Grenze der Selbstentblößung geht. Aber immer rechtzeitig kriegt Haas die Kurve, verletzt nie den guten Geschmack, überzeugt mit stilistischer und sprachlicher Eleganz.
Daniel Haas definiert Einsamkeit als Mangel an Zugehörigkeit, der häufig auf einer selbst gewählten Distanzwut fußt, die der Hybris entspringt – ein weit verbreitetes Phänomen in den entsprechenden Milieus. Haas ist auch bekannt als Spiegel-Autor, seine Kolumne „Me, myself and I“ kreist ebenfalls offen um das Thema. Er kennt sich aus, weil er alles gelebt hat: Süchte aller Art (auch nach ästhetischer Vollkommenheit), Verlust, Euphorie, Absturz. Und er beschreibt, wie Einsamkeit entsteht: Aus Scham, Geheimniskrämerei und Eitelkeit. Geld, so Haas, macht Einsamkeit nicht kleiner, es macht sie nur komfortabler, länger erträglich und damit gefährlicher.
Was das Buch vor allem auszeichnet, ist seine intellektuelle Redlichkeit und Haas’ außerordentliche Sprachbegabung. Das Schreiben, das Formulieren, so ist zu vermuten, treibt ihn an in guten und trägt ihn in schlechten Zeiten, rückt die Dinge wieder zurecht, dämpft die Furcht, ein Mensch zu sein. Daniel Haas hat Läuterung erfahren im Fegefeuer der Menschwerdung. Dafür gebührt ihm Respekt.
Sie haben viel durchgemacht.
Wie geht es Ihnen heute?
Ganz gut. Ich bin ja freischaffender Journalist und zur Zeit sehr motiviert.
Über mangelnde Interviewanfragen anlässlich Ihres Buches können Sie sich nicht beklagen. Hätten Sie mit so viel Resonanz gerechnet?
Darauf habe ich ein bisschen gehofft, es sind aber eher Interviewanfragen aus kirchlichen Publikationen oder aus der psychologischen Ecke, weniger aus dem Feuilleton. Dennoch freue ich mich sehr.
Ist Ihre Hinwendung zu Gott und zur Kirche eher eine Momentaufnahme oder etwas auf Dauer angelegtes?
Auf jeden Fall will ich diesen Weg weitergehen. Umkehr und Einkehr – die christliche Erzählung ist voll davon. Beides hat eine große Tradition.
Wie haben ihre Freunde auf Ihre
„Umkehr“ reagiert?
Mit einer milden, ironischen Gelassenheit. Manche sind auch begeistert, sagen: endlich ist er im richtigen Lager gelandet.
Sie haben mit Ihrem Buch ein Tabu
gebrochen, über Einsamkeit spricht man nicht. Wie viel Überwindung hat es Sie gekostet, so offen zu sein?
Viel weniger, als man meinen sollte. Das lernte ich schon in der Zwölf-Schritte-Gruppe (Selbsthilfegruppe der anonymen Alkoholiker. Anm. der Redaktion). Ehrlichkeit und Akzeptanz sind die Bedingungen, um diese Krankheit zum Stillstand zu bringen. Den Kummer teilen, den man hat.
Ihr Buch birgt tiefe Erkenntnisse – ist nicht eine gewisse Einsamkeit geradezu Bedingung für schriftstellerische, außergewöhnliche Arbeit? Stellen Sie sich vor, Sie hätten viele Menschen um sich herum…
Das stimmt. Unter anderen Umständen, mit einem turbulenten Familienleben, wäre ich wohl nicht imstande so zu schreiben. Ich bin seit jeher ein Einzelgänger.
Ein Mensch wie Sie, ohne nahestehende Angehörige, dessen Eltern sich beide suizidiert haben, kann doch gar nicht anders, als einsam zu sein.
Es gibt Formen von psychischen Belastungen, wo nichts mehr geht. Menschen mit Traumata und Gewalterfahrungen meine ich. Dennoch ist niemand verdammt zu einem Leben in Einsamkeit. Da ist häufig eine Hand, die zu ergreifen es sich lohnt. Ich habe viele Menschen erlebt, die ihrem Leben eine neue Richtung geben konnten. Hölderlin hat recht: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
Liebe und Freundschaft sind die Essenzen eines gelingenden Lebens, sagen Sie.
Ja, Ich habe 50 Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Früher glaubte ich Erfolg, Prestige und Kultiviertheit seien das Wesentliche. Aber das stimmt nicht. Ich habe christliche Freunde, die begreifen ihren Wohlstand als Leihgabe, die sie zum Teil in caritative Zwecke investieren.
Geld ist ein zentrales Thema in Ihrem Buch, am Ende war das große Vermögen weg. Hat Ihre Mutter Sie wenigstens zu Lebzeiten finanziell unterstützt?
Meine Mutter war von einer überwältigen Großzügigkeit, die sogar meine Freunde mit einbezog. Ihr letzter Ehemann hat das Vermögen durchgebracht. Meine Mutter ist das Beispiel einer gescheiterten Emanzipation. Für sie habe ich heute großes Mitgefühl.
Ästhetische Vollkommenheit, Kultiviertheit, die Dinge spielten in Ihrer Familie eine überragende Rolle. Trägt die Fixierung darauf auch zur Einsamkeit bei?
Auf jeden Fall. Es geht ja um Abgrenzung zu den anderen. Das heißt, der Blick ist immer eher auf das Trennende als auf das Verbindende gerichtet. Bei den Anonymen Alkoholikern sitzen Herzöge neben Obdachlosen, in diesem Moment sind sie gleich.
In ihrer Kindheit haben Sie wenig religiöse Prägung erfahren: Ihre Eltern waren Kulturchristen, zu Weihnachten wurden Auszüge des Religiösen hervorgekramt. Beten Sie heute zu Gott?
Ja, das tue ich. //