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Mit dem Ruhestand fallen die meisten priesterlichen Aufgaben weg und die Betroffenen nicht selten in ein tiefes Loch. Ohne das Eingebettetsein in eine Familie oder eine andere Gemeinschaft drohen pensionierten Pfarrern schmerzhafte Verlassenheitsgefühle.

Schleichendes Gift

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2/2026

Gerade erst hat der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes sich für ein Ende des Pflicht-Zölibats bei katholischen Priestern ausgesprochen. „Der Zölibat ist kein göttliches Gesetz, kein Dogma, sondern ein Kirchengesetz, das wir leicht ändern können“, sagte er Mitte März anlässlich eines Interviews mit dem SWR. Dabei hatte er neben seiner Kritik an der Tabuisierung jedweder Sexualität sicher auch die um sich greifende Einsamkeit seiner pensionierten, katholischen Kollegen im Blick.

Sicher, den Absturz in die Bedeutungslosigkeit erleiden viele Ruheständler früher oder später – bei Priestern schmerzt dieser Fall besonders, sind sie doch offiziell zum Alleinleben verdammt. Jahrzehntelang haben sie Kirchengemeinden geleitet, an Schulen gelehrt, Kranken und Trauernden Trost zugesprochen – und plötzlich sitzen sie allein zu Hause, dem schleichenden Gift der Vereinsamung ausgeliefert.

Was macht das mit einem Menschen?

„Das Bedürfnis nach Zweisamkeit kommt nicht zum Zug. Manche Priester kompensieren dies mit übermäßigem Essen oder Alkohol,“ schreibt der Psychotherapeut und Theologe Wunibald Müller. Und weiter: „In den letzten Jahren hat sogar das Konsumieren von Cybersex im Netz zugenommen.“ Müller ist überzeugt: Die Kirche müsse, wenn sie von ihren Priestern ein solches Leben erwartet, diese viel besser darauf vorbereiten.

In früheren Zeiten war das Pfarrhaus kein Singlehaushalt, wie es heute häufig Fall ist. Da lebte der Kaplan mit im Haus, manchmal die Schwester oder Mutter des Pfarrers – auf jeden Fall jemand Vertrautes. Mit anderen Worten: Die Einsamkeit ist heute gestiegen. Dabei arbeiten Pfarrer in der Regel deutlich länger als der Rest der Bevölkerung. Vor dem 75. Lebensjahr gehen nur wenige Geistliche in den Ruhestand. Doch die Lebenserwartung ist rasant gestiegen, sodass ein zwanzig Jahre währendes Alleinleben heute keine Seltenheit mehr ist.

Es war vor acht Jahren, als elf katholische Priester aus dem Rheinland in einem offenen Brief tiefgreifende Reformen forderten und dabei auch den Zölibat infrage stellten. Einer von ihnen war der Kölner Pfarrer Franz Decker, ehemals Direktor des Caritasverbandes. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte Franz Decker: „In der Ausbildung haben wir gelernt, den Zölibat als Quelle der Spiritualität zu verstehen und als ein Weg zur Freisetzung von Energie, die es für die Gemeinde brauche. Ich habe das nie so gefühlt. Ich fühlte mich zum Priesteramt berufen, nicht zum Zölibat.“

Franz Decker erzählt gern, wen er im Laufe seiner 24 Jahre als Gemeindepfarrer alles im Pfarrhaus aufgenommen habe: Flüchtlinge aus Bosnien, aus dem Iran, seine Schwester, seine Cousine, eine Bekannte mit drei Kindern, einen 17-Jährigen, der seine Eltern verloren hatte. „Ich fand es wichtig, nicht allein zu leben.“ Doch die Frau, die er sich gewünscht hätte, die fehlte ihm doch.

Und so geht es etlichen Kollegen, wenn sie nicht längst eine heimliche Beziehung führen. Nicht viele sind so mutig wie der Münchener Kultpfarrer Rainer Maria Schießler. Er predigt vor einem gut gefüllten Gotteshaus, seine Stimme hat Gewicht im Freistaat – und er lebt seit 30 Jahren offen in einer Beziehung zu einer Frau. Dabei spricht er von einem „tiefen, besonderen Freundschaftsverhältnis, in dem der eine für den anderen da – ein Leben lang“. Einen Widerspruch zum zölibatären Leben sieht Schießler nicht, das seiner Meinung nach nicht „Verurteilung zur Einsamkeit“ bedeute.  „Ja, es ist Liebe, Liebe in einer Form, die ich anderen gar nicht so erklären kann und übrigens auch nicht muss; Liebe in einer Höchstform an Verantwortung für einander.“

Aus Liebe und Mitgefühl handelte wohl auch die Arztgattin Birgit Heigl aus Kempten im Allgäu. Gemeinsam mit ihrem Sohn Julian gründete sie 2024 das Haus Simeon, das, einzigartig in Deutschland, Priestern im Ruhestand ein würdevolles Leben ermöglicht. Birgit Heigl hatte sich zuvor schon ehrenamtlich um alte, alleinstehende Priester gekümmert. In dem fünfstöckigen Haus Simeon finden die Männer Gemeinschaft und entsprechende Freizeitaktivitäten – von der Bibliothek bis zur Sauna. Eine Kapelle im Dachgeschoss trägt dem spirituellen Bedürfnis der Hausbewohner Rechnung. Mit ihren 27 hochmodernen Zwei-Zimmer-Appartements haben die Heigls, die der katholischen Kirche sehr verbunden sind, ein Refugium des Miteinanders geschaffen, das der Vereinsamung im Alter entgegenwirkt.  //