Putzeimer treiben mich ins Unbehagen. Da ist die Leere des Aufgeräumten. Die Schönheit des Sauberen, das Harmonische des Geordneten, die Sicherheit des Gesichteten. Sie machen Platz für ein graues und ungeordnetes Nichts. Zu viele Fragezeichen, als dass das Weggeschaffte mir Freiheit vermittelt statt Leere, Licht statt Grau, Sicherheit statt des diffusen Ungewissen.
Der so viel gelobte Zustand des Alleinseins wählt bei mir oft das Gefühl der Einsamkeit. Selbst wenn der Bildschirm voll ist, der Raum von Menschen zerbirst, Musik aus allen Ecken strömt. Oder aber nichts ist. Außer mir selbst: „Schreck lass nach. Wer soll das sein, der da im Spiegel?“
Innere Einsamkeit kennt keine Brücken. Isolation ist sein Zuhause, das Getrenntsein, das Sich-Unverstanden-fühlen. Von Anderen. Und schlimmer: von sich selbst. „Was mache ich hier eigentlich?“
Die Biologie beobachtet bei Menschen wie mir eine erhöhte Aktivität der Stresszentren (die Amygdala wird stärker aktiviert als sonst), kleine Reize werden so als bedrohlich wahrgenommen, soziale Aktivitäten schenken kein Wohlfühl-Dopamin, das sogenannte „Bindungshormon“ Oxytocin sucht ebenfalls das Weite und macht vermehrt Cortisol, dem Stresshormon, Platz: ein Teufelskreis.
Der zusätzliche Rückzug in den angeblichen „Ruhezustand“ verstärkt die biologische Reaktion des Körpers, und das Gesamtempfinden schüttet Wasser auf die Mühlen der bereits laufenden psychologischen Einsamkeitsempfindung. Das Fragezeichen wird immer größer.
Ein Gefühl, das der Kunst nicht unbekannt ist. Harry Haller in Hesses Der Steppenwolf irrt suchend im Raum zwischen zwei Welten umher, im Film Lost in translation leiden die Hauptfiguren als Gefangene ihrer inneren Isolation trotz einer bunten und oft lauten Umwelt. Und Franz Kafka sammelt seine Literatur-Heroen eh in Paralleluniversen des „Besonderen“ auf: Unverstanden. Abgehangen. Zutiefst isoliert.
Wer es einfach haben will bei der Ursachenforschung rund um die innere Einsamkeit, findet angeblich schwache emotionale Bindungen in der Kindheit, diverse Identitätskonflikte in sich selbst und mit den Vorstellungen der Umwelt. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden bei einem gleichzeitigen „Schrei nach Liebe und Nähe“.
Selbst die Bibel kennt diese die Nabelschnur durchtrennten Archetypen: Hiob und Eliya ganz vorn. Die Jünger nach dem Dahinscheiden ihres Chefs und Heilands Jesus Christus. Das Turmbau-zu-Babel-Gefühl, ständig aneinander vorbei zu reden und zu leben. Im Unfrieden. Mit sich selbst. Den anderen. Kriege und Unbehagen innen wie draußen. Bis der Heilige Geist sie heimsucht, die Verwirrung vertreibt und die Leere ausfüllt.
Bei mir waren es im Studium vor allem Philosophen, die zwar zu Recht Zweifel säten an der sicher geglaubten Universalität meiner „So ist die Welt und ihre Wahrheit“, meine Abhängigkeit von erlernten Wörtern und Sinnsystemen deutlich machten, aber es mir selbst überließen, die abgerissenen Brücken zu mir selbst und den/dem Anderen wieder aufzubauen. Immer mit dem Hinweis: Es ist und bleibt deine personalisierte Wahrheit. Auch die Suche in Meditationskursen führte vor allem zur Zerstörung von Bildern und sicher geglaubten Wahrheitsräumen. Ein angeblicher Befreiungsweg, der mich in ein Trümmerfeld mit einer erhöhten Vulnerabilität führte – und zugleich einer Überforderung: Lass dich berühren, aber sei gewiss, dass es nicht alle gut mit dir meinen. Geh vertrauensvoll auf andere zu, aber nimm dich in Acht vor den Hacking- und Kriegsabsichten der Anderen. Weißt du, ob du nicht mit Deepfakes sprichst?
Schon wieder ein Teufelskreis. Und ich bin nicht allein: Vor allem die Generation Z soll die menschlich-konkrete-räumliche Distanz bei gleichzeitiger Omnipräsenz von virtuellen Geschichten und permanent gelieferten Sehnsuchtsversprechen, also Waren, verspüren. Nicht nur ein Relikt der Corona-Zeit, sicher auch ein Produkt der Medienversuchung.
Aber es gibt auch Hoffnung. Wie das aktuell laufende künstlerische Projekt des Goethe-Instituts „Solitude: Loneliness & Freedom“ zeigt (Hinweis: Eine Ausstellung in Berlin im Sommer 2026 ist geplant), kann in den Momenten der Einsamkeit und Isolation auch das kreative Potenzial erwachen und die Ängste auf die Plätze verweisen. Sich der inneren Welt zu stellen und nicht davonzulaufen, sie – und damit natürlich auch sich selbst – zu verstehen und echte Beziehungen zu sich und zu anderen aufzubauen, ist eine Chance. Und die Welt an sich als Wert, als möglichen Weg der Heilung, der Heiterkeit und Leichtigkeit zu entdecken, ist es ebenfalls.
Positiv erlebte soziale Kontakte mit Berührungen auf allen Ebenen lassen Cortisol sinken, Struktur und Routine geben Halt, Achtsamkeit ermöglicht Wahrnehmung, Bewusstsein und echte Nähe. Und selbstverständlich stärkt Bewegung den Grundorganismus und hilft, aus dem ewigen Kreisen um sich selbst herauszukommen.
Das haben wir alles schon gehört. Das „wissen“ wir alles. Was für mich als „Mann“ immer wieder echte Erkenntnis ist: Die Wichtigkeit des Körpers, der Materie. Unserer „Welt“, die wir theologisch als „Schöpfung“ geschenkt bekommen haben, ist hier unser Zuhause. Wir mögen „ursprünglich und perspektivisch nicht von dieser Welt sein“, aber zugleich sind wir jetzt hier. Alle, die Kinder gebären, wissen das „vom Körper her“. Ich bin. Und daher fühle ich. Denke ich. Liebe ich.
Niemals „allein“, immer als Teil von etwas. Die Verbindung ist essenziell. Manche sprechen von einem „kosmischen Christuskörper“, der uns eine Heimat gibt, den wir wiederum bewusst zum Leben erfüllen können. Das mag theologisch umstritten sein. Mir gibt es Hoffnung. Teil zu sein von etwas, das größer ist als ich selbst. Liebevoll verbunden. Transformierend. Gerne auch „miteinander singend und schwingend“.
Selbst im Schweigen. //