Foto: Martin Kunze

Inka und Ralph Orth verloren während der Ahrtalflut 2021 ihre Tochter. In ihrer Verzweiflung glaubte die Mutter am ersten Weihnachten nach dem Tod ihrer Johanna (22) fest an ein Wunder: sie erwartete die Rückkehr ihres geliebten Kindes. Das Wunder blieb aus. So erschuf Inka Orth mit Hilfe ihres Mannes selbst ein Wunderwerk: die Patisserie Johanna erfüllt vor allem den Lebenstraum ihrer Tochter.

Was
die Liebe
vollbringt

von

3/2026

Es ist ein früher Julimorgen und wenig los auf den Straßen in der Hamburger Speicherstadt. Vor dem Haus Sandtorkai 24, am Zollkanal gelegen, kräuselt sich der Duft von Schokolade und Vanille, von Butter und Zimt über dem Asphalt. „Patisserie Johanna“ ist auf den großen Fenstern des historischen Backsteingebäudes zu lesen. Mehrere Stufen führen hinauf ins Entree, das den Blick freigibt auf einen ehrfurchtgebietenden Raum.

Die Patisserie ist das neue Leben von Inka Orth und ihrem Mann Ralph, beide Anfang 60, „ein Leben, das wir nie wollten“, wie sie später sagen wird. Erst einmal empfängt sie die Besucherin mit einem warmen Lächeln und entschuldigt ihren Mann: „Gleich wird eine Kühlmaschine geliefert, er kommt etwas später.“ 

Die Besucherin ist geblendet von dem, was sich vor ihren Augen entfaltet: 700 Quadratmeter Fläche auf feinstem Kassettenparkett, anthrazit/schwarz-schimmernde Verkaufstresen, gefüllt mit essbaren Skulpturen – und schließlich dem freien Blick in die gläserne Backstube, in der Patissiers und Chocolatiers bei der Arbeit zu bestaunen sind. Im Raum verteilt locken Sitzinseln mit cognacfarbenen Sesseln, einige mit Blick auf kleine Boote, die vor dem Fenster vorbeischippern. Vorn in der Halle erwartet eine Bar mit Kaffee- und Cocktailspezialitäten Gäste aus aller Welt. Und überall an den Wänden Johanna: Großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen ein anmutiges Mädchen, das lächelnd auf das Geschehen hinabblickt. Sie ist die eigentliche Hausherrin hier.

Schwarz und Gold, das sind die dominierenden Farben an diesem Ort, der Raum sein will für beides: Für Trauer, aber auch für den Glanz des Lebens.

Inka Orth erklärt die wie edle Schmuckstücke präsentierten Kostbarkeiten in der Auslage. Da ist die Schwarzwälder Kirschtorte neu interpretiert: Kirschkompott auf Mascarpone-Chantilly, oder Zitrustörtchen mit Baiser-Hügeln, Petits Fours aus Salzkaramel mit Pecan-Nuss-Nougat, rot glasierte Herzen aus peruanischer Schokolade mit Passionsfruchtkern. Einige süße Kunstwerke sind dekoriert mit filigranen Schmetterlingen, die als Symbol für Johanna auch Wände zieren. Dazu 20 Sorten Pralinés, die in tagelanger Kleinstarbeit hergestellt und dann in Magnetverschluss-Boxen verpackt werden, Macarons in allen Schattierungen, gefüllte Croissants und Vallés du Chocolat, feinste Quiches und ebensolche Eissorten. Alles wird per Hand gefertigt, mit natürlichen Zutaten. Der kalte Atem der rational-industriellen Fertigung weht woanders.

Gegenüber der Auslage sitzt Johanna auf einer Bank – als lebensgroße Bronzefigur.

Vor zweieinhalb Jahren haben Inka und Ralph Orth die Patisserie eröffnet, nachdem sie die vorher als Kakaolager genutzten Räume von Grund auf renoviert hatten. An jedes Detail in dieser Zuckerbäckerei haben sie gedacht. In einem der oberen Stockwerke wohnen sie, arbeiten an fünf Tagen in der Woche hier unten „bis zum Umfallen“, wie Inka Orth erzählt. „Zu viel Ruhe ist nicht gut für uns“, fügt sie leise hinzu. In den restlichen beiden Tagen der Woche erfreuen sie sich in ihrer Heimat Bad Neuenahr-Ahrweiler an ihrem Sohn Max und seiner kleinen Familie. Enkel Theo ist jetzt eineinhalb. In Bad Neuenahr betreiben die Orths zudem seit einem Vierteljahrhundert eine exklusive Seniorenresidenz.

Heute ist wieder Hamburg-Johanna-Tag. Schon jetzt gehört die Patisserie zu den besonderen Sehenswürdigkeiten der Hansestadt, „die schon immer unsere Lieblingsstadt war.“ Inka Orth fühlt sich hier freier, ihrer Tochter näher – das Ahrtal bleibt ihre Nemesis. 

Vom Medieninteresse überwältigt haben die Orths schon etlichen Journalisten Rede und Antwort gestanden, sogar der britische Guardian habe kürzlich auf einer ganzen Seite berichtet, erwähnt mit ein wenig Stolz Ralph Ort, der jetzt zum Gespräch an den Tisch hinzugekommen ist. Ihre Trauer derart öffentlich zu machen hatten die Orths nicht geplant, es habe sich ergeben: „Wir glauben, dass, wenn wir den Menschen unsere Geschichte erzählen, Betroffene auch den Mut finden, etwas Konstruktives aus einem schlimmen Verlust zu machen“, erläutert Ralph Ort.

Und dann müssen sie sie wieder erzählen: die Geschichte, die sie an diesen Ort geführt und ihre Existenz neu begründet hat. Es ist die verstörende Geschichte vom Leben und Sterben ihrer geliebten Tochter, von Schmerz und Verzweiflung, von Resignation und Aufbruch. Es war die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021, als ihr Leben in zwei Teile zerbrach: in ein Davor und ein Danach. Die Orths waren tags zuvor nach Mallorca geflogen, hätten ihre Tochter gern mitgenommen. Doch die war beschäftigt mit betriebswirtschaftlichen Auswertungen. Nachdem sie ihren Meister als Konditorin in der Tasche hatte, warteten jetzt die Business-Pläne für ihre geplante Patisserie auf Vollendung. Das Café sollte „Marlies“ heißen, als Reminiszenz an Johannas Großmutter, die sie schon als Kind mit ihrer Backkunst begeistert hatte. Die Location war gefunden, das Logo entwickelt. Ralph und Inka Orth, beide passionierte Unternehmer, freuten sich schon darauf, ihrer Tochter bei der Realisierung ihres Traums zur Seite zu stehen. Da klingelte nachts auf Mallorca das Telefon: Johanna rief aus ihrer Erdgeschosswohnung in Bad Neuenahr an: „Papa, hier ist überall Wasser, überall“ Dann brach die Verbindung ab. Es sollte das letzte Mal sein, dass sie die Stimme ihrer Tochter hörten. Am nächsten Morgen flogen sie mit der ersten Maschine nach Hause. Was sie dort vorfanden, war ein Ort der Zerstörung, ihre Tochter fanden sie nicht. 

Will man sich wirklich ausmalen, was die Eltern in diesen Tagen der Ungewissheit, in dieser geronnenen Zeit zu ertragen hatten? 

„Es war ein Mittwoch“, erinnert sich Ralph Orth mit ruhiger Stimme, „am Samstag bekamen wir den Anruf, dass man Johanna gefunden hatte.“ Sie hatte es noch aus der Wohnung geschafft, doch hatte das Wasser sie mit sich gerissen wie alles andere auch in der Region: Wie 134 andere namenlose Menschen, wie Tiere, Autos, Brücken, Häuser. Inka Orth erzählt, wie sie mit einer Freundin zu Johannas Wohnung gefahren sei. „Wie in Zeitlupe sind die Menschen dort herumgelaufen, ihr durchnässtes Hab und Gut vor sich auf der Straße. Johannas Leben hatte man komplett auf die Straße gekippt, alles lag herum, Waschmaschine, Nähmaschine, Koffer, einfach alles.“ 

Tags darauf dann der schwerste Gang: Die Eltern mussten ihr Kind identifizieren. 

Anschließend schafften sie es monatelang nicht, ihr Haus zu verlassen. Kein Antrieb, nirgends. Nur brutale Leere. Wenn die Zeit stillsteht, läuft die Uhr dennoch weiter, aber Inka und Ralph Orth bemerkten es kaum. Ihr altes Leben war in den Fluten versunken, ein neuer Weg undenkbar. Wo sollte er auch hinführen? Sie lebten in einem Gemütszustand, den man Trauer nennt, in einem Land, das niemand kennen kann, bevor er es betreten hat. „Am Anfang haben wir nur daran gedacht, Johanna hinterherzugehen,“ sagt Ralph Orth, und seine Frau nickt beinahe unmerklich.  

In der Patisserie erinnert das geschäftige Treiben daran, dass sie geblieben sind, dass es irgendwann, wenn auch noch keinen Weg, aber vorsichtige erste Schritte gegeben hatte. Es war eines morgens, Wochen nach der Katastrophe, als Inka Orth sich aus ihrer Lähmung zu lösen begann und einem aufkeimenden Gedanken Raum lassen konnte: Johannas Traum sollte ihr Vermächtnis an die Mutter werden: Inka Orth wollte, nein, sie musste Konditorin werden und eine Patisserie eröffnen! 

Mit existenzieller Dringlichkeit stürzte sie sich ins Vorhaben und buchte einen Kurs in Ulm. In der Schule von Matthias Mittermeier unterrichten nur die besten Patissiers Europas. Inka Orth lernte viel über Buttercreme, Bisquits und Mousse, über Brandteig, Kompott und Parfaits, aber auch über Bindemittel und Stabilisatoren. Sie wusste: mit Mitte Fünfzig ist die Zeit begrenzt, es muss fix gehen. Außerdem war da noch ihr Job als Gründerin und Vorsitzende der Kinderhilfsorganisation „Bunter Kreis im Rheinland“, die an sieben Standorten Frühgeborene, schwerkranke Kinder und Eltern unterstützt – eine der größten Organisationen ihrer Art in Europa.

In der Patisserie-Schule lernte Inka Orth bald einen Mitschüler kennen – Marcel Reinhardt, ein halbes Jahr jünger als Johanna. Sie verstanden sich. Heute verantwortet er als Chefpatissier die süße Feinkost im Hause. Eine Fügung nennt es Inka Orth. Und dann: „Johanna hat bis heute die Fäden in der Hand.“

Der Bitte der Besucherin, mehr von Johanna zu erzählen, kommt die Mutter mit Freude nach: dazu geht sie weit zurück in die Vergangenheit: Nach der Geburt des Sohnes Max, der als Frühchen auf die Welt gekommen sei, habe Johanna das Glück der kleinen Familie perfekt gemacht. Sie sei ein „Kuschelkind“, feinfühlig und zurückhaltend gewesen, mit innigem Bezug zu ihrer Familie. 

„Ich denke so gern an die Zeit zurück, in der ich so viel von den Kindern hatte,“ sagt Inka mit Wehmut. Als Katholiken glauben sie und ihr Mann fest daran, dass sie ihr verlorenes Kind eines Tages wiedersehen. „Wir freuen uns sogar schon darauf,“ fügt ihr Mann hinzu.

Auch wenn sie heute eine Patisserie betreiben, das sogenannte süße Leben gibt es für sie nicht mehr. Ausgelassene Feste, wie das Paar sie früher gern feierte, sind heute passé. „Wir können froh sein, dass wir noch leben“, fasst Inka Orth die vergangenen fünf Jahre zusammen. Das klingt jedenfalls nach Zukunft, nach einer Zukunft, die ihre Tochter mit einbezieht. 

Ralph Orth, der kurzzeitig den Tisch verlassen hatte, kehrt zurück mit einem Tablett, auf dem diverse Kaffeevariaten in feinen Tassen Genuss verheißen. Das Ehepaar Orth ist wieder in der Gegenwart angekommen: Beide tragen die schwarzen Konditorenjacken mit dem goldenen Hauslogo und dem Johanna-Schriftzug. Inka Orth ist eine Frau, die scheinbar Gegensätzliches vereint: Natürlichkeit und Eleganz finden in ihr mühelos zueinander. 

Während viele Paare sich nach einer solchen Tragödie trennen, hat die Trauer Inka und Ralph Orth noch enger zusammengebracht. Das Paar verströmt Harmonie, Echtheit. Der liebevolle Umgang, den sie miteinander pflegen, hat sich auf die mehr als 30 Mitarbeiter übertragen, die jeden Tag für Genuss und Gastlichkeit in der Patisserie sorgen.

Ja, es ist ein gigantisches Projekt, dass sie hier geschultert haben und jeden Tag neu schultern, und manch einer könnte sich fragen: Ginge es auch etwas kleiner? Ein solcher Einwand würde die Orths nicht aus der Ruhe bringen: „Johanna hätte es deutlich kleiner gemacht, wir machen es so. Sie ist ein so besonderer Mensch gewesen, dass sie das Beste überhaupt verdient hat“, sagt ihre Mutter mit Entschiedenheit. 

Eine Frage treibt die Orths bis heute um: Wer trägt die Verantwortung für die Katastrophe, und warum wurde bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen? Nach der Flut hatte die Staatsanwaltschaft Koblenz Ermittlungen eingeleitet wegen möglicher Versäumnisse und Fehler im Krisenmanagement, diese Ermittlungen aber mit der Begründung eingestellt, das extreme Ausmaß der Flut sei für die Verantwortlichen des Landkreises Ahrweiler nicht vorhersehbar gewesen.

Das sehen Ralph und Inka Ort anders, seit Jahren kämpfen sie um eine juristische Aufarbeitung der Tragödie. Kürzlich sind sie vor dem Oberlandesgericht Koblenz endgültig mit dem Antrag gescheitert, doch noch Anklage gegen den damaligen Landrat Pföhler zu erzwingen. „Natürlich begründet mit ‚formelle Fehler‘, ärgert sich Ralph Orth, der sich offenhält, Verfassungsbeschwerde einzulegen. 

Es ist Mittag geworden in der Patisserie Johanna. An der Auslage hat sich bereits eine kleine Schlage gebildet. Zeit für die Orths, sich zu kümmern. 120 Reservierungen verbuchen sie pro Tag, große Feste richten sie aus, ein Online-Shop versorgt die halbe Welt mit ihren in Schokolade gegossenen Glücksmomenten. Sie entwickeln Rezepte und Geschenkideen mit, bieten verschiedene Kurse an. Und es werden täglich mehr. Nein, das Weihnachtswunder ist nicht wahr geworden, damals, vor über fünf Jahren, aber die Orths haben ihr eigenes geschaffen. „Jeden Tag dranbleiben“, sagt Inka Orth. „Die Patisserie ist der Weg. Wir gehen ihn weiter mit Johanna.“  //