Pilgern bis der Arzt kommt

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Ab wann ist ein Wunder ein Wunder? Der Wallfahrtsort Lourdes wird wie kein anderer mit unerklärlichen Heilungen verbunden. Aber die katholische Kirche macht es sich schwer mit der Anerkennung. Ein langjähriger Prozess, mit vielen ärztlichen Untersuchungen und Gutachten, steht vor jedem „Wunder“. Nur wenn die Heilung sich auf natürliche Weise nicht erklären lässt, sondern als übernatürlich und durch Gottes Eingreifen eingestuft wird, ist sie ein Wunder. Dr. Patrick Theillier, zwölf Jahre ärztlicher Direktor des französischen Pyrenäen-Ortes, schildert in einem jetzt gerade erst in Deutsch erhältlichen Buch verschiedene Heilungsfälle.

Foto: Istock

3/2026

Violaine A., 40 Jahre alt, litt an klinisch nachgewiesener Multipler Sklerose (MS), anfangs schubweise, dann kontinuierlich fortschreitend. Ab dem Jahr 2000 erreichte die Krankheit auf der Behinderungsskala EDSS die Stufe 4, im Jahr 2002 Stufe 6 und 2003 Stufe 7. Während ihrer zweiten Wallfahrt nach Lourdes wird sie beim Baden in den »Piscines« schlagartig und vollständig von allen Symptomen geheilt. Sie hat keine Empfindungsstörungen mehr. Das Lhermitte-Syndrom ist verschwunden. Auch gibt es keinerlei Störung bei der Harnausscheidung mehr. Ihre Sehfähigkeit ist vollkommen wiederhergestellt und die neurologische Untersuchung zeigt keine Symptome. Hier ihr Zeugnis:

„Ehrlich gesagt, ich wollte gar nicht zur Grotte. Ich war schon drei Tage in Lourdes und wollte nur eines: schnell wieder nach Hause. Ich konnte dieses ständige Lächeln der Betreuerinnen nicht mehr ertragen, die Freundlichkeit dieser Damen in Blau, die ihre Tage damit verbrachten, meinen Rollstuhl zu schieben. Das konnte doch nur Mitleid sein. Liebe ist ja nicht kostenlos. Meine MS, das war eine Strafe Gottes; ich hatte nichts anderes verdient. Ich war ja nur eine Sünderin, geschieden, wiederverheiratet, mit einem außerehelichen Kind. Meine Jugend hatte ich damit zugebracht, die Karriereleiter zu erklimmen, indem ich andere manipulierte und abqualifizierte.

Ende 1996 hat mich die Krankheit kalt erwischt. Weihnachten sagte ich zu meiner Mutter: ‚Schau mal, ich kann mich ja gar nicht mehr schminken. Mit dem einen Auge sehe ich nur noch schwarz.‘ Ein paar Tage später sagt sie zu mir: ‚Schatz, du läufst so komisch!‘ Ich bin zum Arzt gegangen. Der Radiologe sagte mit ernstem Gesicht, es täte ihm sehr leid, aber das wäre eine ‚sklerotische Angelegenheit‘. Ich habe das gar nicht verstanden, aber meine Eltern begriffen sehr schnell und sind zusammengebrochen. MS, daran stirbt man zwar nicht, aber das ist fast schlimmer.

Ich habe wie eine Kämpferin reagiert: Mit meiner Mentalität werde ich stärker sein als die Krankheit. Im Jahr 2000 heiratete ich erneut, und zwar einen Mann, der so freundlich war, jahrelang auf mich zu warten.

2002 musste ich mir einen Stock kaufen; 2003 landete ich im Rollstuhl. Unterm Strich 13 Skleroseschübe in siebeneinhalb Jahren.

Diese Krankheit ist der Horror. Aber sie hat mir geholfen, mir darüber klar zu werden, dass mein Leben ein Fake ist. Ich hatte es auf Äußerlichkeiten aufgebaut, auf Streben nach Macht und Geld, auf Pseudowerten, die plötzlich ganz hohl klangen. Der ganze Aufbau stürzte in sich zusammen und fiel ins Leere. Zur damaligen Zeit brauchte man mir von Gott nicht zu reden.

Lourdes hatte ich nicht auf dem Programm! Bis mir am 11. Februar 2003 eine verrückte Idee kam, mitten in der Nacht: ‚Ich will nach Lourdes.‘ Zweimal fing das wieder an. Ich hab zu mir gesagt: ‚Was ist denn hier los? Ich glaube weder an Jesus noch an Maria noch an die Kirche. Die Krücken, die werden dort von einigen doch nur aufgehängt, damit andere weiter glauben. Lourdes, das ist nichts als Geschäft und Folklore!‘. Meine gesamte Familie sagte zu mir: ‚Fahr doch hin. Das kann dir nicht schaden.‘ Schließlich habe ich nachgegeben und gedacht: ‚Ich werde die guten Taten meines Lebens vollbringen, das gefällt allen und dauert nur fünf Tage.‘ 

Der Beginn der Wallfahrt war schrecklich. Am dritten Tag beschloss ich während der Messe, meine Krankheit in Geduld anzunehmen. Ich schaute auf die Statue. Und dann ist in mir irgendetwas geschehen. Ich habe mich an den Herrn gewandt: ‚Ich habe Angst, Herr, und ich habe Schmerzen. Was erwartest du von mir? Warum all diese Tränen?‘

Dann habe ich Maria gebeten, mich so anzunehmen, arm und aufnahmebereit, mit meiner ganzen Herzensnot. Ich glaube, mein Herz hat gemurmelt: ‚Du bist doch eine Frau, du bist Mutter, du musst verstehen, was ich durchmache. Ich kann wirklich nicht mehr …‘ Und dann bin ich zusammengebrochen. Ich habe angefangen zu weinen, zu weinen. Je mehr ich weinte, desto mehr nahm mich Maria in ihre Arme und tröstete mich. Mich umfing eine wunderbare Wärme. In mir veränderte sich etwas. Ich hatte die tiefe Überzeugung, dass eine Mama aus dem Himmel mich besuchen kam und mir ein Zeichen gab. Als ich nach Hause zurückkehrte – immer noch im Rollstuhl –, fand mein Mann, dass ich mich sehr verändert hätte: ‚Du bist so zugänglich, und … froh.‘ Körperlich litt ich, das stimmt, aber ich war froh. Ich war kein Eisblock, hatte keine Rüstung, keinen Panzer mehr. Ich hatte etwas Sanftes verspürt. Ich wusste jetzt, dass das Lächeln der Betreuerinnen von Herzen kam und dass diese Mutter des Himmels meine Hand hielt. Ich habe sogar gedacht: ‚Gut, ich bin Maria begegnet, aber das reicht; bedränge mich nicht zu sehr mit Jesus!‘

Und ich bekam Lust, im folgenden Jahr nach Lourdes zurückzukehren. Ich wollte Maria in meiner Krankheit um einen Aufschub bitten. Sie schritt zu schnell voran, und ich konnte mich kaum richtig um meine Kinder kümmern. Somit bin ich im Mai 2004 wieder hingefahren. Ich wollte dort alles tun, aber mein Körper machte nicht mit. Als ich zu den Bädern wollte, war ich derart erschöpft, dass der Arzt ablehnte. Doch eine Betreuerin bestand so sehr darauf, dass er schließlich nachgab. Im Bad wurde ich von zwei Begleiterinnen getragen, die Füße im Wasser. Wir haben gebetet, sie tauchten mich ein, und plötzlich, wie ein Feuerball, das Gefühl, eingehüllt zu sein von einer unglaublichen, reinen, unendlich machtvollen Liebe. Das lässt sich nicht beschreiben! Meine Augen brannten und meine Beine brannten. Die ersten Worte, die ich stammeln konnte, waren: ‚Jesus hat mich angeschaut, ich weiß, dass er mich liebt, dass er uns liebt.‘

Ein paar Stunden später krachte bei der Sakramentsprozession mein Stuhl zusammen. Sie schlugen mir einen von diesen blauen Karren vor, die ich so scheußlich fand. Aber ich hatte keine andere Wahl. Also stand ich auf und wartete im Stehen auf den Karren. Ich blieb stehen! Ich dachte sofort: ‚Das ist der Lourdes-Effekt! Da habe ich meinen Aufschub. Danke, Maria.‘ In diesem Augenblick hat sich äußerlich aber noch nichts davon gezeigt. Doch während der folgenden Nacht habe ich ganz aufgeregt den ‚Lourdes-Effekt‘ getestet. Ich konnte zu Fuß zur Toilette gehen, ohne Hilfe. Ich spürte die Kälte der Fliesen unter meinen Füßen. Ich konnte normal sehen; mein Sichtfeld hatte sich von 5 % auf 99 % erweitert. Unglaublich!

Mein Problem war, dass ich es niemandem sagen konnte; denn Wunder gibt es ja nicht, auch nicht in Lourdes. Und zudem konnte das ja auch nur ein einfacher Aufschub sein.

Am darauffolgenden 19. Juni ließ ich zur Kontrolle eine MRT-Untersuchung vornehmen. Sie zeigte nur noch zwei kleine Narben. Die Krankheit war verschwunden. Kurzum, ich war geheilt. Die einzige Aufgabe, die mir noch blieb, betraf meine Seele. Darum habe ich mich dann gekümmert. Ich wusste jetzt nämlich, dass Christus kein Oberguru ist, sondern mein Retter. Und seine so machtvolle Liebe hatte mich fast zum Explodieren gebracht; er hatte meine Nerven und meinen Körper mit den Strahlen seiner Liebe getroffen, und ganz nebenbei auch die Krankheit verbrannt, zusammen mit dem Übel in meiner Seele. Diese Heilung war eine innere Befreiung. Sie hat mir einen Weg eröffnet und ein neues Leben im Licht geschenkt. Damit eines klar ist: All das ist wunderbar, aber es ist kein Honigschlecken. In mancher Hinsicht ist es wirklich mühsam. Viele Leute – auch manche Priester – betrachten mich mit Misstrauen und empfehlen mir zu schweigen. Nun geht es ja nicht darum, es auf öffentlichen Plätzen hinauszuposaunen, aber eine solche Begegnung, die das ganze Leben und dein Herz verändert – und als Zeichen auch deinen Körper –, es ist doch schön, wenn man das mitteilen kann! Und zudem, in einem Dorf macht so etwas schnell die Runde: Die ‚Behinderte‘ läuft wieder herum. Komisch!

Manche meinen, dass ich die Krankenversicherung betrogen hätte. […] Zu Hause musste ich mit meinem Mann zu einem Ausgleich bei der Verteilung der Aufgaben und Rollen kommen und mich im Umgang mit den Kindern neu entdecken.

Heute führe ich ein absolut normales Leben. Ich engagiere mich bei der Caritas, in Glaubenskursen, in der Begleitung von MS-Kranken usw. Und ich bete ohne Unterlass: ‚Maria, bewahre mich im Frieden! Jesus, ich vertraue auf dich!‘ Mit Christus hat ein neues Leben angefangen. Und wir haben ein drittes Kind bekommen. Wir haben es natürlich Marie genannt, und ich habe noch Lou hinzugefügt … abgeleitet von louange (Lobpreis). Denn ich kann nicht aufhören Dank zusagen für die Wundertaten, die der Herr getan hat für ‚Sünderinnen‘ wie mich! Dabei führen mich drei Worte: ‚Ja. Magd. Halleluja.‘ Die Anfangsbuchstaben JMH klingen doch besser als MS, finden Sie nicht auch?“  //