Liebe Leserinnen und Leser,

Brigitte Haerte. Redaktionsleitung theo Magazin

2015 wird als ein Horror-Jahr in die Geschichte eingehen, jedenfalls aus heutiger Sicht. Wir wissen ja nicht, ob die Zukunft nicht noch Schlimmeres bereithält.
Es begann, als das Jahr erst wenige Tage alt war, am 7. Januar mit dem Anschlag auf die Charlie Hebdo-Redaktion in Paris. Weltweiter Terror in nie erlebtem Ausmaß – auch in Europa – überall Kriege oder wenigstens Unruhen in derWelt, absichtlich herbeigeführte Flugzeugabstürze und ein nicht enden wollender Flüchtlingsstrom stellen unsere Welt auf den Kopf.Wie viele Menschen haben in diesem Jahr durch Terror einen Angehörigen verloren, wie viele Mütter ihre Kinder? Und wie viele Flüchtlinge ihre Heimat? Auch uns nahestehende Menschen sind von uns gegangen, Pater Antonin Walter O.P., der am 9. September viel zu früh aus dem Leben gerufen wurde, sei hier erwähnt.
Bei uns werden die Silvesterkorken diesmal nicht so laut knallen, der Rutsch ins Neue Jahr gebremster ausfallen. Ganz anders als bei den champagnerschlürfenden Trotzern, die nach den Anschlägen in Paris einzig in der »Feier des Lebens« die Antwort auf Terror zu finden hofften. Ohne diese Demonstration von Frohsinn, so argumentieren sie, hätten die Terroristen erreicht,was sie anstreben.
Ich konnte diesen Gedanken nie folgen. Es hat mich vielmehr unangenehm berührt, als eine Woche nach dem hundertfachenMorden die Leute in Paris auf der Straße tanzten und das Magazin Charlie Hebdo mit eine mmakaberen Titel aufmachte: Er zeigt einen champagnertrinkenden Mann, aus dessen von Kugeln durchlöchertem Körper Alkohol strömt: Versehen ist die Zeichnung mit denWorten: »Sie haben die Waffen. Wir scheißen auf sie, wir haben den Champagner.«
Sieht so eine Erwachsenenreaktion auf Tod und Verderben aus? Ich habe dabei an Tucholsky gedacht und seine Erkenntnis, dass niemand seine Feinde weglachen kann.
Vor allem dachte ich an die Angehörigen der Opfer und daran, dass jedem Terroristen klar ist, dass die Trotzer gegen ihre Angst antanzen und anschreiben. Sollen die Terroristen doch glauben, sie hätten ihr Ziel erreicht, was macht es für einen Unterschied?
Natürlich muss das Leben weitergehen und mit ihm die Feierlaune.Aber vielleicht wäre eine stille Trauer in Paris angemessener gewesen, vielleicht hätte es mehr Sinn gemacht, diese Trauer zu zeigen. Wie hat Joseph Beuys es in seiner berühmten Installation ausgedrückt? Zeige Deine Wunde! Dieses Kunstwerk thematisiert Therapie und Heilung, und das ist es doch, was traumatisierte Menschen brauchen.
Heilung geschieht durch Spiritualität, durch Gebet und Meditation. Damit wären wir bei einer der beiden großen theo-Geschichten dieser Ausgabe: in einer alten Mühle leitet der Jesuit Bertram Dickerhof den »Ashram Jesu«, eine christliche Lebensschule, die die Trennung von Spiritualität und Alltag überwindet. Von Spiritualität verstehen auch die beiden Frauen auf demTitel etwas: Die Zwillinge Karin und Petra Dierkes sind Theologinnen und durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden.
Darüber hinaus finden Sie Antworten von Erzbischof Stefan Heße, der als »Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen« gerade ein komplexes Thema zu bewältigen hat, aber Sie finden auch Antworten von Menschen, die einen eigenenWeg gehen, die imengeren wie im weiteren Sinne etwas mit Glauben zu tun haben.
Ansonsten muss es einfach weitergehen, und es wird weitergehen – mit Gottes Hilfe. Wir wünschen Ihnen gesegnete Festtage und viel Freude bei der Lektüre

Ihre
Brigitte Haertel und das theo-Team

 

Fotos rechte Spalte: (c) Tillmann Frantzen. (c) Stefan Weigand.

 

Printausgabe:
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Onlineleseproben Ausgabe 05/2015 (16. Dezember 2015):

  1. Editorial 05/2015. Von Brigitte Haertel.
  2. Zehn Fragen an Bischof Dr. Stefan Heße.
  3. Theo-Impuls: Schaut das Licht der Welt. Von Pater Georg Maria Roers SJ.
  4. Vorgeknöpft: Zeig mir dein Gesicht. Von Pfarrerin Petra Bahr.