Liebe Leserinnen und Leser,

Brigitte Haerte. Redaktionsleitung theo MagazinLiebe Leserinnen und Leser,

eine Heimat zu haben, zu wissen, woher man kommt, gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Seit der Begriff Heimat in Deutschland wieder politisch aufgeladen ist und vor allem Ausgrenzung meint, darf man sich ihm bloß noch vorsichtig nähern. Kann das sein? Nein, denken wir! Heimat, dieser urdeutsche Begriff, meint eine bestimmte geografische Einheit und jene Menschen, die dort verwurzelt sind. In Zeiten von Globalisierung und anschwellender Migration wundert es nicht, dass viele Menschen sich fragen, was ihre Heimat noch ausmacht. Wenn die (noch) Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz die Existenz einer spezifisch deutschen Kultur jenseits der Sprache als nicht existent abtut, ist das eine unglückliche Formulierung, man kann es auch Blödsinn nennen. Leider hat die unerträgliche Reaktion des AFD-Spitzenpolitikers Alexander Gauland, der Frau Özoguz »nach Anatolien entsorgen« wollte und damit einen Shitstorm heraufbeschwor, leider hat dieser Sturm der Entrüstung eine intellektuell redliche Auseinandersetzung mit der Behauptung von Frau Özoguz schon im Vorfeld hinweggefegt.

Dabei ist es ja gerade die Vielfalt der deutschen Kultur, die den Begriff Heimat rechtfertigt. Oktoberfest und Berliner Mauer, Nürnberger Christkindlmarkt und Reeperbahn, Kölner Dom und Loreley, Martin Luther und Kuckucksuhr, Altötting und Ottifanten – von unseren Geistesgrößen, deren Namen ein ganzes Lexikon füllen würden, ganz zu schweigen. Jenseits aller Nostalgie ist Heimat auch ein Begriff mit Zukunft, der jene mit einschließen muss, die nach ihr suchen. Zuwanderer, Flüchtlinge und asylsuchende Menschen sind zur Zeit das alles beherrschende (Streit-)Thema, deswegen soll es in dieser Ausgabe eher um die Frage gehen, was Heimat eigentlich bedeutet. Die Romantiker haben den Begriff geprägt, die Nazis ihn vergiftet, und die neuen Rechten missbrauchen ihn als Abwehr alles Fremden.

Wir sollten ihnen nicht die Deutungshoheit überlassen.

Heimat, meine ich, ist doch vor allem die Religion, in die man hineingeboren wird, die Kultur des Abendlandes zum Beispiel leitet sich aus dem Christentum ab, so wie die Kultur des Orients überwiegend muslimisch geprägt ist. Der Schriftsteller Eberhard Rathgeb schreibt in seinem Buch Am Anfang war Heimat, dass man leichter glücklich wird, wenn man an einem Ort lebt, an dem das Licht ungefähr so ist, wie an dem Ort, an dem man auf die Welt gekommen ist. Rathgeb beschreibt Heimat als ein speziell deutsches Gefühl.

Verblüffend, dass noch immer jeder dritte Ostdeutsche nicht in der Bundesrepublik und ihren Werten angekommen ist, sich zurücksehnt in die gute alte DDR.

Sehr wohl hier angekommen sind die Koreanerin Heun-Sook Himpe-Kim und der Kanadier Stephen Cone Weeks, die einst kamen, um kurze Zeit in Deutschland zu leben – doch sie blieben. Wir stellen sie Ihnen auf den folgenden Seiten vor.

Der Publizist Peter Sandmeyer fragt in seinem Essay: Was ist Heimat, der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann geht der Frage nach dem heimatstiftenden Potential der christlichen Religion nach, das auch die »Ewige Heimat« einbezieht, und Katharina Finke, eine Journalistin, reist ohne festen Wohnsitz um die Welt und beantwortet Fragen nach ihrem Heimatgefühl ebenso wie acht sehr unterschiedliche Menschen in Deutschland. theo-Autorin Brigitte Schmitz-Kunkel stellt die Kölner Regisseure Arne Birkenstock und Jan Tengeler vor, die 2013 mit ihrem musikalischen Dokumentarfilm Sound of Heimat einen Nerv trafen, und Albrecht von Croÿ beleuchtet ein Phänomen, das es als Exportschlager in alle Welt geschafft hat: Die deutsche Weihnacht. Dies und etliches mehr finden Sie in diesem Heft.

Ihnen und Ihren Lieben wünschen wir ein gesegnetes Fest und ein ebensolches 2018.

 

Ihre
Brigitte Haertel und das theo-Team

 

Fotos rechte Spalte: (c) Titelfoto: Abben / Foto U2: Stephanie Härtel

 

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Onlineleseproben Ausgabe 05/2017:

  1. Editorial 05/2017. Von Brigitte Haertel