Liebe Leserinnen und Leser,

Brigitte Haertel. Redaktionsleitung theo Magazin

in der kommenden zweiten Ausgabe stellen wir eine Behauptung auf: Wir behaupten, dass es den Menschen nach Gemeinschaft verlangt und nicht nach Vereinzelung. Die Gegenwart spricht eine andere Sprache: Sie erzählt von Millionen Singlehaushalten in Deutschland, von esoterischen Heilsbringern, und von Marketingneurotikern, die die Selbstverwirklichung und das Streben nach persönlicher Freiheit als den einzigen Weg zur Erleuchtung bejubeln.
Sicher, jeder Mensch muss sich von seinen Eltern emanzipieren, muss seinen eigenen Weg finden, jeder Mensch braucht auch das Alleinsein als Quelle der Kraft und Kreativität. Englands große Schriftstellerin Virginia Wolff prangert in ihrem Essay Ein Zimmer für sich allein die Lebensumstände der Frauen des frühen 20. Jahrhunderts an: zählten sie nicht zur Oberschicht, lebten diese Frauen ausschließlich das Küche-Kirche-Kinder-Prinzip, kannten keinem Ort des Rückzugs und leisteten entsprechend wenig in Kunst oder Literatur.

Heute macht eine andere Welt von sich reden: Das ICH ist zum Götzen avanciert, absurde Werbekampagnen befeuern diese Verirrung: erfreulIch, sinnlIch, eigensinnIch, tönte es lange herab von den Schaltern der Postämter, »Ich und mein Magnum« erhebt die Selbstanbetung zum Kult.

Die Ichbezogenheit ist eine gefährliche Folge des Individualisierungswahns, der leicht in Narzissmus münden kann, jeder in der heutigen Welt ist gefährdet. Wo Menschen nicht aufeinander achten, wo der Nachbar immer weniger ein Gesicht, das eigene Wohlergehen immer mehr Bedeutung hat, dort wächst Vereinsamung, Unmenschlichkeit, ja auch Ratlosigkeit. Denn es sind ja der Sterblichen viele, die unfreiwillig allein leben: weil sie verwitwet, geschieden, Einzelgänger oder Priester sind, oder weil sie einfach nicht den passenden Partner finden. Und Gottseidank sind es häufig Alleinlebende, die die stabilsten sozialen Kontakte vorzuweisen haben – weil eben der Mensch zum Menschen strebt. Für Aristoteles war das Glück sogar an menschliche Gemeinschaft gebunden.

Selbstverständlich wußte auch Jesus Christus darum, war oft umgeben von seinen Jüngern, so erzählt es das Neue Testament, allenfalls zum Beten zog er sich zurück in die Einsamkeit.

Überhaupt ist das Christentum, diese riesige Glaubensgemeinschaft, ohne ein Wir-Gefühl gar nicht denkbar. Und unsere große Hoffnung als Christen ist es doch, dass wir einst aufgehoben sind in der Gemeinschaft mit Gott.

Wir haben es diesmal mit dem Wir, stellen Ihnen unterschiedliche Formen der Gemeinschaft vor: Die Bildhauerin Kristina Johlige Tolstoy hat die riesige Familie des russischen Dichters Leo Tolstoi im Rücken, ihren Lebensunterhalt muss sie allein bestreiten, die evangelische Pfarrerin Anne Ellmann sorgt mit ihrem Ehemann, einem katholischen Sozialarbeiter, in Berlin für ein munteres Gemeindeleben, der Seelsorger Klaus Hamburger hat über 30 Jahre in der ökumenischen Gemeinschaft Taizé gelebt, an der Seite von Frére Roger. Der Fotograf Nikolas Nixon fotografiert seit Jahrzehnten vier Schwestern und Frauen entdecken das soziale Leben in modernen Beginenhöfen. Und selbstverständlich gibt es auch eine Stimme gegen das »Wir«. Das gehört dazu.

Und weil es so viele »Wir-Geschichten« gibt, stellen wir sie in zwei theo-Ausgaben vor: Genießen Wir den heraufziehenden Sommer und Sie diese theo-Lektüre.

Ihre
Brigitte Haertel und das theo-Team

 

Foto rechte Spalte: (c) Aleksandra Boguslawiska

 

Printausgabe:
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Onlineleseproben Ausgabe 02/2015 (29. April 2015):

  1. Editorial 02/2015. Von Brigitte Haertel.
  2. Spiritueller Impuls. Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Von Pater Georg Maria Roers, SJ.
  3. Menschen im Portrait: “Ich lese Holz – die Bildhauerin Kristina Johlige Tolstoy. Von Brigitte Haertel.
  4. Der Weg geht weiter. Klaus Hamburger im Gespräch. Von Brigitte Schmitz-Kunkel.
  5. Neuland entdecken. Neue Gemeinschaften. Von Sven Schlebes.